Johannes-Passion in der Frankfurter Alten Oper

Leidensgeschichte nach britischer Art

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Die Alte Oper.

Frankfurt - Den lange in England wirkenden barocken Sachsen Georg Friedrich Händel haben sie längst national vereinnahmt. Und selbst bei der historischen Klangforschung sind die Briten vorn dabei. Von Klaus Ackermann 

Das bestätigen nicht nur Sir Eliot Gardiner und sein Monteverdi Choir, sondern auch der Londoner Chor Polyphony, das stets experimentierfreudige Orchestra oft the Age of Enlightenment, Gesangssolisten von Rang wie der Oratorientenor Ian Bostridge und Dirigent Stephen Layton, die J. S. Bachs eh schon dramatische Johannes-Passion in der Alten Oper zupackend gestalteten, historische Aufführungspraxis in Reinkultur – versteht sich.

Jesus wird in dieser Passion der Prozess gemacht. Viel wörtliche Rede und ein spannender Disput zwischen den Verantwortlichen für Verurteilung und Hinrichtung des Gottessohns zeichnen ein plastisches Bild seiner letzten Stunden, kommentiert von mitfühlender gläubiger Seele. Schon im Eingangschor wird der Heilsbringer verherrlicht. Nach schmerzlicher Vorhalt-Melodik des auf historischen Instrumenten so samtweich wie silbrig tönenden Orchesters, von Londons Polyphony im Brustton der Überzeugung und bei mitreißendem rhythmischen Drive.

Enervierend jene knappen Volksszenen der von den Hohepriestern aufgestachelten Menge, die in ein schaurig gellendes „Kreuzige, kreuzige“ gipfeln. Kunststücke per se schafft Dirigent Layton in den mitfühlenden Chorälen, hier kein Gemeindegesang, sondern dicht am Wort gedeutet. Natürlich ist Ian Bostridge wieder ein großartiger Evangelist, der hochspannend berichtet und deklamiert, dabei einen stimmschönen, zwischen Brust- und Kopfbereich schier unmerklich wechselnden Tenor einbringend.

Ein Jesus ohne klanglichen Heiligenschein: Bassbariton Neal Davies setzt auf natürliche Stimmgaben. Mit Bachs Arien-Perle „Zerfließe mein Herze“ bezeugt Sopranistin Julia Doyle glockenklar zu Herzen gehendes Mitgefühl. Wie auch Stuart Jackson in dem ergreifenden „Ach mein Sinn“, mit überaus schlanker Tenorstimme. Überzeugend als abwägender römischer Statthalter Pilatus: Der ausdrucksstarke Bariton des Roderick Williams. „Es ist vollbracht!“ Als Stimme des Schmerzes und der Hoffnung setzt Altus Iestyn Davies auf seelenvollen Ton. Glaubensgewissheit dann auch im Schlusschoral: Mit „Ich will dich preisen ewiglich“ endet eine spektakuläre Bach-Passion „historisch“ gebriefter Briten.

Quelle: op-online.de

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