Am Frankfurter Flughafen

100. Montagsdemo: „Wir haben sehr viel erreicht“

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Die Protestwelle rollt weiter: Vertreter der Bürgerinitiativen blicken am Jubiläumstag stolz zurück und mit Zuversicht in die Zukunft.

Offenbach/Frankfurt - Seit über zwei Jahren demonstrieren vom Lärm geplagte Bürger jeden Montag um 18 Uhr am Frankfurter Flughafen für ein einfaches Ziel: mehr Rücksichtnahme gegenüber den Menschen in der Rhein-Main-Region. Von Ronny Paul 

Die Zahl ist rekordverdächtig: Am Montag wird zum 100. Mal am Terminal 1 lautstark gegen den Frankfurter Flughafenausbau demonstriert. Gelegenheit für eine Zwischenbilanz: Was wurde durch die Montagsdemos bisher erreicht? „Ich würde nicht jedesmal hingehen, wenn ich das Gefühl hätte, nichts zu bewirken“, sagt Maria Büttner, Sprecherin der Bürgerinitiative (BI) Mühlheim. Auch Ingrid Wagner von der BI-Offenbach blickt stolz zurück und mit Zuversicht in die Zukunft: „Wir haben sehr viel erreicht. Seit zwei Jahren gibt es viele neue Studien zu den Gesundheitsrisiken beim Fluglärm. Das ist ein großer Verdienst der Montagsdemos.“ Der Offenbacher Rechtsanwalt Günther Porzelle ist ein Veteran der Montagsdemos: Er ist seit der dritten Demo dabei, hat nur eine verpasst und reserviert sich seit über zwei Jahren die Montagabendstunden zum Protestierten. Porzelle kann sich durchaus vorstellen auf weiteren hundert Demonstrationen zu trommeln, bis sich etwas an der Fluglärmsituation ändert: „Auch ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr würde mich nicht zum Aufhören bewegen, wenn dafür tagsüber die Zahl der Flugbewegungen rapide ansteigt.“

Erinnerungen an das erste Mal

Der Sachsenhäuser Musiker Steve Collins ist seit der ersten Montagsdemo dabei und verarbeitet seinen Ärger in Liedern.

Bei der ersten Montagsdemo am 15. November 2011 war Porzelle noch nicht dabei, als 400 Demonstranten eine Schließung der Landebahn Nordwest sowie ein absolutes Nachtflugverbot einforderten. Zur zweiten Demo eine Woche später demonstrierten bereits 2 000 Menschen lautstark gegen den Fluglärm. „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Ruhe klaut“, skandieren die Protestler Woche für Woche unter Einsatz aller möglichen lärmenden Utensilien, wie Trillerpfeifen und Trommeln. Die Aussage war damals wie heute eindeutig: „Wir bringen den Krach zu denen zurück, die ihn verursachen“, erklärt Wagner den Willen und die beachtliche Ausdauer der lärmgeplagten Bürger. Die Demonstrationen seien für viele ein Ventil, den aufgestauten Frust unüberhörbar rauszulassen.

Besonders stark besucht waren die Demos vor dem am 4. April 2012 vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gefällten Urteil, das Wagner als Erfolg des ständigen Protests einordnet: „Über die Richter in Leipzig haben wir das ,kleine Nachtflugverbot’ (von 23 bis 5 Uhr, Anm. d. Red.) erreicht. Das war ein Anfang. Doch wir werden jeden Montag weiterhin unüberhörbar ein Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr fordern“, gibt sich Wagner kämpferisch. Zudem würde auch das „kleine Nachtflugverbot“ sehr häufig durch Ausnahmen außer Kraft gesetzt, so die Offenbacherin: „Es muss ein Verbot ohne Ausnahmen und zugleich eine Deckelung der Flugbewegungen geben“, fordert sie. Dem Leipziger Urteil zufolge sind pro Tag in den sogenannten Randzeiten zwischen 22 und 23 Uhr sowie von fünf bis sechs Uhr nur maximal 133 Flugbewegungen gestattet. Zwischen 23 und fünf Uhr gilt ein absolutes Nachtflugverbot.

Montagsdemo am Flughafen

Dass sich trotz aller Enttäuschungen der montägliche Weg zum Terminal 1 lohnt, betonte Brigitte Johannsen während der 98. Montagsdemo: „Der Flughafen wird nicht in dem Tempo ausgebaut, wie es ohne Proteste möglich wäre“, stellte die Leiterin der Mühlheimer Montessorischule in ihrer Rede heraus. Sie sei dabei, weil die Lebensqualität ihrer Familie durch den Fluglärm massiv beeinträchtigt würde. So wie die von Porzelle, der sogar mutmaßt, es könnte in Zukunft noch schlimmer werden: „Ich könnte wetten, es liegen schon Pläne für eine weitere Startbahn in der Schublade“, spielt der Bürgeler auf den geplanten Bau des Terminal 3 an. Da würde sich doch eine weitere Bahn gut machen, merkt Porzelle sarkastisch an.

Der Sachsenhäuser Musiker Steve Collins war bereits bei der ersten Montagsdemo dabei und hat dem Thema viele Lieder gewidmet. Er prangert neben der Lärm- vor allem die gesundheitliche Belastung an und fühlt sich von der Politik regelrecht 78an der Nase herumgeführt, obwohl er gleichzeitig auch einräumt, die Politik richte, aufgerüttelt durch die regelmäßigen Montagsdemos jetzt ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf das Thema. Zeilen seines Liedes „Jericho“ verdeutlichen das: „Jetzt gehe ich raus jeden Morgen und schreie laut die Flieger an. (...) Dabei denk ich oft an Jericho, wie damals die feste Maurer fiel. Fraport sei gemahnt, euer Lügen Mauer ist nun unser Ziel.“

Walpurgisnacht am Flughafen (2012)

Walpurgisnacht am Flughafen

Quelle: op-online.de

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