Aktionswochen für Jugendämter

Der Skepsis offensiv begegnen

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Dietzenbach - Sie kümmern sich, beraten, helfen, und doch ist ihr Name eigenartigerweise negativ belastet: Die Jugendämter. Mit bundesweiten Aktionswochen wird nun über die Aufgaben und Angebote der gut 600 Jugendämter in Deutschland informiert. Von Christian Riethmüller

Beate Holstein, Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) beim Jugendamt des Kreises Offenbach, weiß um den Ruf ihrer Einrichtung. Jugendämter nehmen Familien die Kinder weg, heißt ein Vorurteil. Dies müssten sie tatsächlich tun, sagt Holstein, nämlich dann, wenn ein Zusammenleben von Kind und Eltern nicht mehr möglich sei. Doch manchmal müsse auch ein Zahnarzt Zähne ziehen, wählt sie einen adäquaten Vergleich. Zum Zahnarzt gehe niemand gern und doch sei jeder froh, wenn sich der Dentist früh genug möglichen Problemzonen widme.

So ist denn auch die Vorsorge wichtiger Arbeitsschwerpunkt des Kreisjugendamts mit seinen etwa 160 Mitarbeitern. Mit „vorbeugenden, familienunterstützenden Angeboten, die dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für Familien zu schaffen“, umschreibt die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Landesjugendämter das Anliegen und weist auch gleich auf das umfängliche Angebot der Ämter hin: „Viele Menschen profitieren von den Leistungen der Jugendämter - oft ohne es zu wissen. Wer einen Kita-Platz braucht, wer eine Erziehungsberatungsstelle aufsucht, wer Ferienprogramme nutzt, der nimmt Angebote in Anspruch, die das Jugendamt zur Verfügung stellt“, berichtet die BAG-Vorsitzende Birgit Zeller.

Kinderschutz verbessern

Auf viele dieser Angebote haben Bürger einen individuellen Rechtsanspruch, der im Bundeskinderschutzgesetz geregelt ist. Ziel des seit 1. Januar 2012 geltenden Gesetzes ist es, den Kinderschutz zu verbessern. Unter dem Motto „Das sind uns die Kinder wert!“ wird während der Aktionswochen auch an die Einführung des Gesetzes vor 500 Tagen erinnert.

Dem Kreis Offenbach ist der Kinderschutz rund 40 Millionen Euro im Jahr wert. Auf diese Summe belief sich der Etat des Jugendamtes im Jahr 2012. Mit dieser Summe wird beispielsweise 2150 Kindern im Kreis der Besuch einer Krippe ermöglicht, wird die Jugendsozialarbeit an 31 Schulen im Kreis finanziert, erhalten gut 5000 im Verlauf eines Jahres arbeitslos werdende junge Menschen im Alter von 15 bis unter 25 Jahren Jugendberufshilfen und wird die Arbeit der sieben Familienhebammen im Kreisgebiet finanziert.

Schwierige Fälle erfordern hohen Einsatz

Größter Brocken im Etat sind allerdings die Kosten für die Unterbringung von derzeit 546 Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Betreuungsvarianten. Insgesamt 11,7 Millionen Euro sind dafür fällig: 1,7 Millionen Euro für die Unterbringung in Pflegefamilien, von denen es nach Angaben von Beate Holstein im Kreis noch immer zu wenig gibt, und 10 Millionen Euro für die Unterbringung in stationären Einrichtungen wie Heimen. Gerade schwierige Fälle erfordern hier einen hohen finanziellen Einsatz, berichtet Holstein und schildert den Fall eines Jungen, dessen Betreuung in den vergangenen drei Jahren fast 200.000 Euro verschlungen hat. Das Kind, das sich in keine Gruppe einfügen kann, wird mittlerweile 19,5 Stunden in der Woche einzeln betreut, immer mit der Hoffnung verbunden, es doch noch fit für ein Leben ohne Betreuung zu bekommen. Solche Fälle seien keine Ausnahme, aber auch nicht die Regel, weiß man beim Kreisjugendamt. Mit der großen Mehrheit betroffener Familien (85 Prozent) sei die Zusammenarbeit gut und sorge die intensive Hilfe bei der Erziehung für einen positiven Effekt. Mindestens zwei Jahre dauere die Unterstützung der Familien durch das Jugendamt, das in dieser Zeit nicht nur das Wohl von Kindern, sondern auch das der Eltern stärken will.

Quelle: op-online.de

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