Endstation "Kinderknast"

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Pater Christian Vahlhaus (links) und der FDP-Politiker René Rock

Sinntal - „Die Türgummis hatten wir vergessen“, sagt Pater Christian Vahlhaus. Einer seiner Schützlinge im sogenannten „Kinderknast“ in Sinntal riss die Gummis aus der Tür und nutzte sie als Peitsche – ohne jemanden zu verletzen. Alltag im Jugendhilfezentrum Don Bosco in Sinntal. Von Thomas Hanel

Den Begriff „Kinderknast“ hören sie dort nicht gern, aber letztlich läuft es darauf hinaus: Durch eine Schleuse betritt man das Gebäude. Heißt, die Eingangstür lässt sich erst öffnen, wenn die Zwischentür zum Wohntrakt wieder verschlossen ist. Heißt auch, dass alle Möbel fest verschraubt und massiv sind, Bilder an der Wand ebenso fest verankert sind. Die stumpfen Messer im Küchenbereich sind ebenfalls in abschließbaren Schubladen verstaut. Und die Türgummis sind mittlerweile durch Holzbeschläge ersetzt. Pater Vahlhaus lächelt und erklärt. „Hier lebt die intensivpädagogisch betreute Wohngruppe.“

Wenn Drogenentzug, Psychatrie und Pflegefamilie nicht helfen können

Mit diesem Wortungetüm sind männliche Kinder zwischen zehn und 13 Jahren gemeint, die durch das pädagogische Norm-Raster gefallen sind. Drogen, Gewalt, ein zerrüttetes Familienumfeld und Missbrauch haben diese Kinder geformt. In Sinntal werden sie nun betreut und erzogen, vor sich selbst und einem negativen Umfeld geschützt. „Dieser Freiheitsentzug bei Minderjährigen ist das letzte Mittel, um eine Änderung des Verhaltens zu erwirken und eine Zukunft für die Kinder zu etablieren“, sagt Pater Vahlhaus. Alle anderen Therapieversuche sind bei seinen Schützlingen gescheitert. Drogenentzug, Psychiatrie, Pflegefamilie, Verwandtschaft – niemand konnte den zehn- bis 13-jährigen helfen, in ein normales Leben zu finden. Grundlage für die Unterbringung ist immer ein entsprechender Beschluss eines Familiengerichts. Dabei werden auch Fachleute von Jugendämtern und anderen Jugendhilfe-Einrichtungen gehört. „Es entscheidet der individuelle Fall“, informiert Pater Vahlhaus. Mädchen werden nur in anderen Einrichtungen aufgenommen, damit es nicht zu Übergriffen kommen kann.

Nicht einfach nur wegsperren

Das Jugendhilfezentrum Don Bosco in Sinntal-Sannerz im Main-Kinzig-Kreis.

Acht intensivbetreute Kinder können maximal in der Sinntaler Gruppe aufgenommen werden. Rund um die Uhr stehen Betreuer, Sozialpädagogen und auch einPsychologe bereit. Im Untergeschoss des Hauses sind Gemeinschafts- und Lehrräume, im ersten Geschoss die Zimmer der Kinder. Der große Hof mit Spielgeräten ist durch hohe Mauern abgesperrt. Aber: Alles macht einen freundlichen und hellen Eindruck. Die Ordensbrüder und zivile Mitarbeiter kümmern sich um die Kinder, wollen ihnen ein angenehmes Umfeld schaffen - statt sie einfach nur wegzusperren. „So kurz wie möglich, so lange wie nötig bleiben die Kinder bei uns“, sagt Bruder Mike Goldsmits, einer der Sozialpädagogen, die ausschließlich mit den Intensivbetreuten zusammenarbeiten. Maximal 24 Monate können die Kinder bleiben, bevor sie – im glücklichsten Fall – zurück in die eigene Familie, eine Pflegefamilie oder eine offenen Jugendhilfe-Einrichtung kommen.

Das pädagogische Konzept der Wohngruppe sieht fünf Stufen vor. Eingang ist Stufe Null. Das Kind darf den Ort nicht verlassen. „Bei den meisten Kindern dauert diese Phase vier bis fünf Wochen“, sagt Sozialpädagoge Bruder Goldsmits. Danach werden die Zügel nach und nach gelockert, erste Ausflüge – mit Betreuer – führen beispielsweise in einen Klettergarten. Schritt für Schritt werden den Kindern mehr Freiheiten zugestanden. Stufe fünf ist die letzte: Dann dürfen die Kinder unbegleitet das Haus für eine gewisse Zeit verlassen.

Kein Stress und feste Zeitstruktur

René Rock, der sozialpolitische Sprecher der hessischen FDP-Landtagsfraktion, ist von diesem intensivpädagogischen Konzept überzeugt. Innerhalb der hessischen Landesregierung hatte er sich langer Zeit für die Einrichtung stark gemacht. „Betroffene Kinder brauchen ein modernes nachhaltiges Konzept im Rahmen einer geschützten Unterbringung“, will er die Augen nicht vor der Realität schließen.

Realität in der Wohngruppe ist „eine reizarme, stressfreie Umgebung mit einer festen Zeitstruktur für unsere Schützlinge“, sagt Pater Valhaus. Die vernachlässigten und von häuslicher Gewalt geprägten Kinder werden pünktlich um 6.30 Uhr geweckt, nach dem Duschen ist ein gemeinsames Frühstück angesetzt. Vor dem Schulunterricht (der auch im Gebäude stattfindet) stehen immer wieder Gespräche mit den Betreuern an, positive Signale sollen gesetzt werden. Der Schulunterricht ist speziell auf die Kinder abgestimmt. „Manchmal ist es schon ein großer Erfolg, eines der Kinder eine Viertelstunde lang konzentriert an einer Aufgabe arbeiten zu sehen“, weiß Bruder Goldsmits. Bis um 16 Uhr dauert die Betreuung, die viel Erlebnis, Sport und Spiel vorsieht. Um 18 Uhr gibt es Abendessen, an zwei Abenden in der Woche dürfen die Kinder Filme oder TV sehen, bevor es um 21.30 Uhr ins Bett geht. „Auch Internet ist möglich, aber alles zusammen mit den Betreuern.“

Derzeit werden in Sinntal nur zwei Kinder derart intensiv betreut, aber bis Ostern werden alle Plätze in der Einrichtung ausgebucht sein. Die Kinder haben im Jugendhilfezentrum nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte: In einem Zettelkasten können Nachrichten und Kritik an der Betreuung abgegeben werden, jedes Kind hat die Telefonnummer eines Ombudsmannes, der nicht in der Einrichtung arbeitet, aber 24 Stunden am Tag erreichbar ist. Damit der „Kinderknast“ nicht tatsächlich zum Kinderknast wird.

Quelle: op-online.de

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