Sie küsst ihn zur Prinzessin

+
Im Frankfurter Jugendzentrum KUSS41 treffen sich junge Homosexuelle.

Frankfurt - „Beim Sex habe ich gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist“, sagt Laura. Sie verließ ihren damaligen Freund. „Er war ganz schön sauer. Wahrscheinlich hat er sich in seiner Männlichkeit gekränkt gefühlt“, erzählt sie weiter. Von Domenico Sciurti

„Meine Schwester und meine Mutter ahnten es allerdings schon, als ich es ihnen sagte.“ Die 18-Jährige verließ ihren Freund für eine Frau. Laura hat sich geoutet, sie ist lesbisch.

Mit Nele und Dominik sitzt sie an einem Tisch im KUSS41. Die drei Freunde sind regelmäßige Besucher des ersten und bisher einzigen schwul-lesbischen Jugendzentrums Hessens in Frankfurt. An den Wänden hängen fünf Porträts. Sie wurden zum Motto des Christopher Street Days 2010 – eine Straßenparade für Homosexuelle – in Frankfurt gestaltet. Es scheint, als würden die darauf abgebildeten Personen, Jugendliche, die selbst ins KUSS41 kommen, über die Besucher wachen. Nele ist STOLZ. Auf den anderen Plakaten ist jeweils ein anderer Jugendlicher mit einem weiteren Wort zu sehen. Zusammen ergibt es: STOLZ AUF UNSERE VIELFALT KUSS41.

„Igitt, das sind Lesben“

„Ich habe schon mit 15 gewusst, dass mir auch Frauen gefallen,“ erzählt Nele. Sie ist bi, aber sie möchte nicht verschweigen müssen, wenn sie in einer lesbischen Beziehung lebt. Unter dem langen blonden Lockenschopf schaut sie durch ihre dunkle Brille hervor, ihr Mund zu einem leicht skeptischen Lächeln geformt. Auch sie kann von einschlägigen Erlebnissen erzählen. Zum Beispiel, als sie mit ihrer Freundin im Schwimmbad war und plötzlich von vier Jugendlichen provoziert wurde. „Igitt, das sind Lesben“, schrie einer der Jungen über das Schwimmbecken hinweg.

Die anderen drei, ein weiterer Junge und zwei Mädchen, lachten laut. „Wir saßen im Wasser und kamen uns wahrscheinlich näher, als übliche Freundinnen“, sagt Nele. „Die zwei Jungs versuchten, sich zwischen uns zu drängen, die Mädchen jubelten und lachten von weitem.“ Nele und ihre Freundin verließen den Außenbereich und zogen sich in die Halle zurück.

Outing schwerer als bei Mädchen

„Heute würde ich meiner Freundin im Schwimmbad nicht mehr so nahe kommen, geschweige denn sie küssen“, erzählt die 22-Jährige. „Eigentlich ist es total schade, dass dieses Ereignis so eine Auswirkung auf mich hat.“ Glücklicherweise, sagt sie, habe sie mit ihren Eltern und Freunden wegen des Outings gar keine Probleme gehabt.

„Ich will nicht über meine sexuelle Orientierung definiert werden“, sagt Laura. „Aber sie ist halt wichtig“, wirft Nele ein. Dominik stimmt beiden zu: „Ich will über meine Beziehung reden können, ohne darauf achten zu müssen, das Geschlecht meines Partners zu verraten. Es ist ganz schön anstrengend, immer sagen zu müssen: ‚Ich habe jemanden kennen gelernt‘ und nicht‚ ‚Ich habe einen Jungen kennen gelernt'.“

Das Outing war bei Dominik schon schwerer als bei den Mädchen. Aber nicht wegen seiner Eltern. Er outete sich erst mit 26. Lange brauchte er, bis er das eigene Anders-sein akzeptierte: „Ich komme vom Land. Homosexualität gibt es dort nicht – das glaubte ich zumindest sehr lange.  Meine Eltern haben aber sehr gut reagiert. Sie wollen nur, dass ich glücklich bin.“

„Schwul“ Lieblings-Schimpfwort auf dem Schulhof

Dass das Outing nicht bei allen so verläuft, wissen die drei allzu gut. Dominik erzählt weiter: „Ich kannte einen Jungen, der hat sich sehr früh in der Schule geoutet. Er hatte es wirklich nicht einfach. Ständig wurde er als ,Schwuchtel‘ bezeichnet, alle machten sich lustig über ihn. Wir hingegen sind wirklich Positiv-Beispiele.“

Das „LesBiSchwule“ Jugendzentrum, das KUSS41, ist wie ein zweites Wohnzimmer, darin sind sich alle drei einig. Dominik betont: „Es hat mir sehr geholfen, dass ich hier jemanden zum Reden hatte.“ Der Mediengestalter kommt extra mit dem Auto eineinhalb Stunden aus einem anderen Bundesland angereist, um dort sein zu können. „Es gibt ja nur das KUSS41. Das nächste Jugendzentrum, dass sich speziell an Lesben und Schwule richtet, ist erst in Köln.“

Die Pädagogen Oliver König und Judith Eisert kümmern sich im KUSS41 um die Jugendlichen. „Schwul“ sei das meistgenutzte Schimpfwort auf dem Schulhof und Homosexualität immer noch ein Tabu-Thema, sagt König. Auch deswegen trauen sich viele Jugendliche nicht, ins Zentrum zu kommen. König sagt: „Wir möchten Jugendlichen helfen, ihre sexuelle Orientierung nicht als Last zu empfinden.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare