Der jungen Bundesrepublik die Augen geöffnet

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Fritz Bauer

Frankfurt - „Auschwitz? Kennen Sie Auschwitz?“ Wenn der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) diese Frage jedem, den er im Gebäude der Frankfurter Staatsanwaltschaft sieht, entgegenschleudert, erntet er Kopfschütteln und Schweigen. Von Christian Riethmüller 

Juristen, Sekretärinnen - allesamt haben sie sich Ahnungslosigkeit verordnet. Diese Szene des Film „Im Labyrinth des Schweigens“ steht stellvertretend für die Haltung vieler im Deutschland der Nachkriegszeit, die vom millionenfachen Judenmord, von Vernichtungslagern und Gaskammern nichts wissen wollten oder tatsächlich nichts wussten. Dass den Deutschen später doch noch die Augen geöffnet wurden, hat viel mit einem Mann zu tun, dessen Name heute zwar Institute, Säle und Preise schmückt, der gleichwohl aber immer wieder der Vergessenheit entrissen werden muss: Fritz Bauer.

Der am 16. Juli 1903 in Stuttgart geborene Fritz Bauer war als hessischer Generalstaatsanwalt maßgeblich am Zustandekommen der Frankfurter Auschwitz-Prozesse beteiligt. Bauer, der wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten hatte fliehen müssen und im Jahr 1936 erst nach Dänemark emigriert und während des Zweiten Weltkriegs schließlich in Schweden untergetaucht war, kehrte 1949 nach Deutschland zurück, wo der promovierte Jurist zunächst in Braunschweig als Richter und Staatsanwalt tätig wurde. 1956 wurde er auf Initiative des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn auf den Posten des Generalstaatsanwalts mit Sitz in Frankfurt berufen.

Dort erhielt Bauer Anfang 1959 von Thomas Gnielka (1928 - 1965), Redakteur bei der „Frankfurter Rundschau“, Auschwitz-Dokumente, die der Journalist bei einem in Frankfurt lebenden Holocaust-Überlebenden entdeckt hatte. Dank dieser Beweismittel konnte Bauer, der sich zeit seines Lebens der politischen Aufklärung verschrieben hatte, in Sachen Auschwitz tätig werden. Bauer erreichte auch, dass der Bundesgerichtshof in Karlsruhe die „Untersuchung und Entscheidung“ in der Strafsache gegen Auschwitz-Täter dem Landgericht Frankfurt übertrug. Auf Weisung Bauers leitete die dortige Staatsanwaltschaft die Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Angehörige der SS-Besatzung des Vernichtungslagers Auschwitz ein.

Mit der Sachbearbeitung hatte Bauer persönlich die jungen Staatsanwälte Joachim Kügler (1926 - 2012) und Georg Friedrich Vogel (1926 - 2007) beauftragt, die nur freilich mit nahezu völlig leeren Händen dastanden. In langwieriger Arbeit sammelten sie Akten und Zeugenaussagen. Unterstützung erhielten sie von Anfang an von Hermann Langbein (1912 -1995), dem Generalsekretär des Internationalen Auschwitz-Komitees. Langbein vermittelte wichtige Kontakte zu ehemaligen Häftlingen und überzeugte die Holocaust-Überlebenden von der Notwendigkeit, ins Land der Mörder zu reisen und sich von den Staatsanwälten vernehmen zu lassen.

Mitte 1961 lagen schließlich wesentliche Ermittlungsergebnisse vor und die Staatsanwaltschaft stellte den nötigen Antrag auf Eröffnung der gerichtlichen Voruntersuchung. Die wurde von Untersuchungsrichter Heinz Düx (geb. 1924) angeordnet, im Oktober 1962 konnten die mittlerweile drei Staatsanwälte - Gerhard Wiese (geb. 1928) war im Herbst 1962 dazugekommen - die Schwurgerichtsanklage abfassen. Im Oktober 1963 wurde das Hauptverfahren gegen 22 Angeklagte eröffnet. Nach 183 Verhandlungstagen wurde am 19. und 20. August 1965 das Urteil gefällt, das bei vielen Beobachtern einen zwiespältigen Eindruck hinterließ, weil viele Tatbeteiligte nur zu zeitigen Freiheitsstrafen wegen Beihilfe zu Mord verurteilt wurden und nach wenigen Jahren schon wieder auf freiem Fuß waren. Gleichwohl führten die Frankfurter Auschwitz-Prozesse zu einer wichtigen öffentlichen Auseinandersetzung mit der Holocaust-Thematik, die für die weitere Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von entscheidender Bedeutung war. Dies ist das unvergessene Verdienst Fritz Bauers, der am 1. Juli 1968 in Frankfurt an Herzversagen starb.

Quelle: op-online.de

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