„Wo Liebe ist, wird das Unmögliche möglich“

Jutta Fleck - „Die Frau vom Checkpoint Charlie“

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Monatelang demonstrierte Jutta Gallus am alliierten Grenzübergang „Charlie“ in Berlin für die Ausreise ihrer Töchter.

Wiesbaden/Berlin - „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ gilt als Symbolfigur des friedlichen Widerstandes. Heute lebt Jutta Fleck, ehemals Gallus, in Wiesbaden. Von Harald H. Richter

August 1982, Ferienzeit. Eine kleine Familie macht sich - jedenfalls offiziell - auf den Weg von Dresden nach Rumänien ans Schwarze Meer. Doch Jutta Gallus hat mit ihren Töchtern Claudia (11) und Beate (9) andere Pläne. Sie will die Urlaubsreise nutzen, um über die Donau in den Westen zu fliehen. Nach dem Verlust ihrer Papiere kann sie sich in der bundesdeutschen Botschaft in Bukarest unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Ersatzdokumente als Familie Lindner aus Bad Oeynhausen erschleichen. Noch in Bukarest wird sie jedoch vom rumänischen Geheimdienst Securitate festgenommen und mit einem Sonderflugzeug in die DDR überstellt.

Jutta Gallus kommt in der Dresdener Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in U-Haft, wird anschließend zu drei Jahren Haft verurteilt. Ihre Töchter werden zunächst in ein Kinderheim gebracht und dann dem leiblichen Vater übergeben - ein loyaler DDR-Bürger, von dem Jutta Gallus geschieden ist. Bevor sie ihre Töchter aber wieder in die Arme schließen kann, vergehen sechs lange Jahre des Wartens, Bangens und des Kämpfens.

Ihre persönliche Wiedervereinigung erlebten Jutta Gallus und ihre Töchter Beate und Claudia Ende August 1988. Sechs Jahre nach der Zwangstrennung durften die Mädchen in den Westen.

Von der Bundesregierung freigekauft, setzt Jutta Gallus alles daran, um ihre Kinder ebenfalls in den Westen zu holen. Monatelang erscheint sie am alliierten Berliner Grenzübergang „Charlie“ mit ihrem Plakat „Gebt mir meine Kinder zurück“. In der Rückschau bewertet sie ihr Unterfangen so: „Ich wollte einfach zeigen, dass ein normaler Mensch auch ohne Waffen imstande ist, etwas zu bewegen.“ In Rom sucht sie Unterstützung durch den Papst. Während eines Festaktes zum 10. Jahrestag der KSZE-Konferenz kettet sie sich vor dem Tagungsgebäude in Wien an. Im Berliner Reichstag unterbricht sie mutig eine Gedenkveranstaltung. „Da haben mir so die Füße geschlottert, und ich dachte, um Gottes Willen, du musst dort hoch an das Rednerpult. Und wenn mir wirklich nicht meine Füße versagen, muss ich da an das Mikro“, erinnert sie sich. Vor laufender Fernsehkamera trägt sie ihr Anliegen vor, bevor Bundeskanzler Helmut Kohl sie beiseite drängt.

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„Die Frau vom Checkpoint Charlie“ ist keine, die aufgibt. Am 25. August 1988 hat ihr Kampf ein Ende. Mutter und Töchter sind wieder vereint - im Westen.

Jutta Fleck (ehemals Gallus) hat die Dreharbeiten zum Event-Zweiteiler mit Veronica Ferres (rechts) in der Hauptrolle aufmerksam begleitet.

Ob sie nie Zweifel gehabt habe, ihre Töchter jemals wiederzusehen, wird sie oft gefragt. Die inzwischen in Wiesbaden wiederverheiratete Jutta Fleck antwortet darauf mit einem Satz, der einem Bekenntnis gleicht: „Wo Liebe ist, wird das Unmögliche möglich.“ Nicht Verhandlungen auf höchster politischer Ebene, sondern Mahnwachen, Hungerstreiks und Petitionen hätten die Ausreise ihrer Töchter wahr werden lassen, ist die 68-Jährige überzeugt. Der stete Tropfen war’s, der den Stein höhlte. Dass die Überstellung in den Westen möglich war, rührt auch von einem anderen Umstand her. Die damals 17 und 15 Jahre alten Mädchen hatten selbst Ausreiseanträge gestellt, was Minderjährigen vom Gesetz her gar nicht erlaubt war. Trotzdem gab die DDR-Führung dem Begehren statt. Beate und Claudia erwirkten durch Einschalten des bekannten DDR-Anwalts Wolfgang Vogel die Übertragung des Erziehungsrechts vom leiblichen Vater auf ihre in der Bundesrepublik Deutschland lebende Mutter. „Das war ein in der DDR-Geschichte einmaliger Vorgang“, betont Jutta Fleck.

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Stets am Jahrestag ihrer Ausreise treffen sich Beate und Claudia mit ihrer Mutter. Auch sonst halten sie Kontakt, obwohl jede ihren eigenen Weg gegangen ist. Beate Gallus, die als Choreografin und Tänzerin diplomierte, ist mit ihrer Dance Company viel unterwegs. Schwester Claudia hat an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert und arbeitet heute als Cutterin in München.

Auch wenn die beiden Frauen sich nicht direkt politisch engagieren, findet die Arbeit der Mutter ihren Beifall. Das gilt auch für die Verfilmung ihrer Lebensgeschichte vor einigen Jahren für ARD und ARTE. Die Dreharbeiten zu dem Zweiteiler „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ mit Veronica Ferres in der Titelrolle hat Jutta Fleck aufmerksam begleitet. „Der Film ist gut und richtig gewesen“, urteilt sie, „auch wenn einige enthaltene Szenen aus dramaturgischen Gründen vom tatsächlichen Geschehen abweichen.“ So erfolgte die spätere Ausreise der Mädchen nicht über den Checkpoint Charlie. „Der durfte zu diesem Zeitpunkt ja nur von nichtdeutschen Staatsangehörigen benutzt werden“, sagt Jutta Fleck. In Wahrheit kamen Beate und Claudia im Auto von DDR-Anwalt Vogel über den Grenzübergang Invalidenstraße in den Westteil Berlins.

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Der Film basiert auf einem Buch von Ines Veith. Die Autorin und Drehbuchschreiberin behandelt vor allem Menschen, die ihre Unabhängigkeit und Persönlichkeit verteidigen. Ebenfalls von Veith stammt das von Jutta Fleck herausgegebene und vor wenigen Wochen in zweiter erweiterter Auflage erschienene Buch „Checkpoint Q“. Darin schildern zwölf Zeitzeugen ihre Biografien, berichten von der Leidenszeit in DDR-Gefängnissen, der Unterbringung in Kinderheimen, Jugendstrafhöfen und psychiatrischen Einrichtungen. Daraus zitiert Jutta Fleck immer wieder bei ihren Veranstaltungen.

Längst gilt „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ als Symbolfigur für den friedlichen Widerstand gegenüber der DDR-Diktatur, und so plant Jutta Fleck bereits für 2015, wenn sich die Deutsche Einheit zum 25. Mal jährt.

Quelle: op-online.de

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