Pionier verlässt die Bühne

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Sinasi Dikmen blickt seinem Abschied mit gemischten Gefühlen entgegen.

Frankfurt - Die Leitung des Frankfurter Kabaretts KäS hat Sinasi Dikmen schon vor einiger Zeit abgegeben. Nun nimmt der Gründervater des türkischen Kabaretts in Deutschland auch Abschied von der Bühne. Von Felix Simon 

Zum Interview in einem Restaurant in Frankfurt-Bockenheim, erscheint der 70-Jährige leger mit Rucksack und braunem Pullover. Er passt in dieses bunte Quartier, in dem sich kleine Kneipen an Dönerläden reihen und Kopfsteinpflaster die Metropole zur Kleinstadt macht. Ein Stück weit ist es auch sein Viertel, immerhin hat er 18 Jahre lang hier gelebt - die Kellnerin begrüßt er jovial mit Handschlag. Seit acht Wochen bereitet sich Dikmen intensiv auf seine letzten sechs Auftritte in der Frankfurter Käs vor, unter dem Titel „Der alte Naive“ betritt er noch einmal die Bühne, die ihm so vertraut geworden ist. Dabei fand der Krankenpfleger mehr durch Zufall ins Scheinwerferlicht. Aus dem Norden der Türkei nach Deutschland gekommen, schrieb er nebenher satirische Texte, bis er von Dieter Hildebrandt in die Sendung „Scheibenwischer“ eingeladen wurde. Der Karriere-Grundstein war gelegt.

„Beim ,Scheibenwischer’“, sagt Dikmen, „hatte ich noch keine Ahnung vom Kabarett. Aber da habe ich so richtig Blut geleckt.“ 1985 gründete er dann mit Mussin Omurca die Kabarettbühne „Knobi-Bonbon“, das erste türkische Kabarett in Deutschland. Wie es sich angefühlt hat, der erste Türke im deutschen Kabarett zu sein, daran erinnert sich Dikmen ganz genau. „Wir waren damals die Einzigen, die der türkischen Integration ein Gesicht gegeben haben. Natürlich waren wir Exoten.“ Innerhalb kürzester Zeit wurden sie deutschlandweit bekannt. Damit umzugehen sei nicht immer einfach gewesen, bekennt er: „Wir haben gar nicht versucht, Erfolg zu haben. Er ist uns quasi in den Schoß gefallen.“ Erst die Gründung seiner eigenen Bühne, des Kabaretts Änderungsschneiderei (KÄS) zwölf Jahre später in Frankfurt, habe ihm das so richtig bewusst gemacht, sagt er. Dass er noch kurz vorher bei Auftritten mit Kollegen wie Urban Priol und Badesalz 15 000 Leute auf einmal unterhielt, nur um dann in der neu gegründeten KÄS über Wochen hinweg vor nicht mehr als zwei, drei Menschen zu spielen, beschäftigt ihn noch heute. „Natürlich zweifelt man dann an sich. Aber ich wusste, die Idee ist gut, und Frankfurt hatte ja keine Kabarettbühne. Wir mussten uns nur ein Publikum heranziehen.“

Zum Glück konnte er auf die Unterstützung von Kollegen bauen. „Alle haben mitgeholfen“, sagt er stolz. „Urban Priol zum Beispiel ist einmal bei uns in der Käs aufgetreten und hat drei Abendgagen dagelassen. Und das, obwohl er selbst damals noch unbekannt war.“ Für die Solidarität ist er noch immer dankbar. „Kabarettisten sind ein eigenes Volk. Wir sind Propheten ohne Gemeinde.“ Türkisches Kabarett sei heute Alltag. Keiner belächele Kaya Yanar, Bülent Ceylan oder Django Asül. „Ein Stück weit haben wir den Weg für die heutige Generation an türkischen Kabarettisten geebnet.“ Dikmen schätzt die jungen Kollegen, doch ihre Programme sieht er mit gemischten Gefühlen - zu viel Kalauer, zu wenig Profil. „Abgesehen von Django Asül machen sie die selben Witze, die ich vor 15 Jahren geschrieben habe.“ Er vermisst das gesellschaftliche Engagement, die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Themen. „Warum reden sie nicht über den Islam?“, fragt er und verschränkt die Arme. „Die Probleme der Gesellschaft mit dem Islam und des Islams mit der Gesellschaft, das sind die Dinge, über die wir reden müssen, auch im Kabarett. Religion darf man doch nicht allein den Theologen überlassen“, sagt er kopfschüttelnd.

Ob er jetzt in die Türkei zurückkehre, haben ihn viele gefragt. Dikmen kann darüber nur amüsiert den Kopf schütteln. „Was soll ich denn da?“ Frankfurt sei seit 43 Jahren seine Heimatstadt. „Außerdem ertrage ich die türkische Hitze nicht“, schmunzelt er und nippt an seinem Kaffee. Pläne für die Zeit danach hat er viele. Mit seiner Frau Ayse Aktay will er weiter hinter den Kulissen der KÄS aktiv sein. Für sechs letzte Auftritte kehrt er jetzt zu seinen Anfängen zurück. Der Mann, der jahrzehntelang das Dasein der Türken in Deutschland und die deutschen Befindlichkeiten humoristisch-satirisch aufs Korn genommen hat, holt noch einmal aus und spannt den großen Bogen von seiner Kindheit bis heute. Wenn man wissen will, ob er in all den Jahren selbst Vorbild geworden sei, legt er die Stirn in Falten. „Man muss seine Linie behalten, dann wird man es vielleicht“, entgegnet er. Sich selbst Vorbild zu nennen, dafür ist er viel zu bescheiden. Hat er auf der Bühne alles gesagt? Dikmen winkt ab und lacht. „Man hat nicht mal zehn Prozent gesagt. Die Bühne hat nie Zeit. Zwei mal 50 Minuten pro Woche reichen nicht.“ Beim Schreiben habe man es da einfacher. An Deutschland will er sich mit seiner spitzen Feder auch weiterhin satirisch abarbeiten. Leicht fällt ihm der Abschied jedenfalls nicht. „Ich habe es noch nicht realisiert“, gesteht er und blickt in die Ferne.

Quelle: op-online.de

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