Kältebus bringt Decken, Tee und Schokoriegel

Frankfurt - Mindestens 16 Menschen sind im vergangenen Winter auf deutschen Straßen erfroren. Um Obdachlosen und Prostituierten die klirrende Kälte erträglicher zu machen, sind in den Nächten so genannte Kältebusse unterwegs. Von Inga Radel

In ihrem früheren Leben war Frau Dello vielleicht mal so etwas wie eine Verrenkungskünstlerin. Die obdachlose Mittfünfzigerin zwängt sich bei den Eisestemperaturen dieser Tage notfalls unter kleine Kisten. Für Dello kein Problem - sie kann sogar mit ihren Beinen hinterm Kopf schlafen. In dieser Nacht liegt sie als kompaktes Häufchen auf einem Fußweg am Frankfurter Landgericht. Gelbe Kissen drunter, rote Wolldecke drüber, ihr Kopf steckt in einem isolierenden Pappkarton.

Spricht man sie an, springt sie auf und wütet: „Du Sau, Du!“. Frau Dello lässt sich nicht helfen. Für das Team des Frankfurter Kältebusses ist sie deshalb eine so genannte „Passiv-Kontrolle“: Nur schauen, ob sie noch da ist. Seit 20 Jahren fährt der Kältebus in der Mainmetropole durch die Nacht. Von Ende Oktober an, immer zwischen 21 und 4.30 Uhr morgens.

An Bord des Acht-Sitzers: Schlafsäcke, Iso-Matten, die bis minus 28 Grad warm halten sollen, Decken, Tee und ein paar Schokoriegel. Wer will, den nimmt der Bus mit in die Einrichtung Ostpark, dort kann man übernachten. Kaum einer will. Alles ist feste Routine für den Bus und die Helfer. Fast immer sind es dieselben Gesichter - ob es nun Frau Dello ist, der „Barfuß- Mann vom Main“ oder Tina vom Straßenstrich.

„Betteltouristen“ aus Osteuropa

Erster Stopp: der immer gleiche Fast-Food-Laden, Sozialarbeiter Peter Nordmann (61) und sein Kollege wollen hier zu Abend essen. Die sogenannte B-Ebene der U- und S-Bahn-Station Hauptwache ist freigegeben für Obdachlose. Bis zu 90 von ihnen tummeln sich dort, Schlafsack reiht sich an Schlafsack. Klaus mit dem weißen Bart ist der „Medien-Profi“, der einzige, der auch Zeitungen oder dem Fernsehen von seinem Leben erzählt.

„Ja, mein Schicksal ist spannend, aber das hab‘ ich schon alles Sat.1 erzählt. Heute bin ich müde und will schlafen“, sagt Klaus. Nordmann sagt, dass 90 Prozent der Männer dort unten in der Hauptwache „Betteltouristen“ aus Osteuropa sind. Aus Rumänien und Bulgarien stammen auch vier Prostituierte vom Straßenstrich an der Messe stadtauswärts. Alle so um die 20 und „happy“ über Tee und die Schokoriegel. Sie wünschen sich, dass der Kältebus ihnen auch wieder mal Kondome mitbringt. Auf der anderen Straßenseite stehen die Deutschen. Bekannt sind hier Tina und Pamela.

Pamela, bestimmt schon 20 Jahre dabei, ist derzeit krank. Tina vermuteten die Kältebus-Fahrer im Urlaub. Aber dann steht ihr Corsa doch da. Zu ihrem Tee kommt sie heute nicht, sie ist mit Kundschaft auf dem runtergeklappten Rücksitz im Kofferraum. Darüber ein Laken.

Seit einigen Jahren kein Obdachloser mehr erfroren

Ein Obdachloser, der einzeln angesteuert wird, ist „Barfuß-Mann“. Stets barfuß, verschreckt er tagsüber Main-Spaziergänger. Nachts hat er sich an einer Lüftungssäule an einer Ufer-Straße eingerichtet, eine Wolldecke hat er mit einem Band wie ein Zelt um die heiße Säule gespannt. Auch er ist aggressiv und nur eine „Passiv-Kontrolle“. Es gab einen Obdachlosen, über dessen Tod vor einem Jahr Polizei und Streetworker geradezu erleichtert waren. „Der Gräntlinger“ kratzte sich immer wieder seinen eitrigen Arm auf, schmierte sich alles Mögliche in die Wunde (sogar Hundekot, heißt es) und nutzte den Arm dann, um Leute zu überfallen. „Das war Verwesungsgeruch. Die Portemonnaies wurden ihm nur so zugeschmissen“, beschreibt Nordmann.

Trotzdem mag er seinen Job. Seit einigen Jahren ist in Frankfurt kein Obdachloser mehr erfroren. Ein Erfolg des Kältebusses. Auch die meisten dieser Menschen sind Nordmann ans Herz gewachsen - mit ihren Eigenarten. Wie der „Rattenfänger“ von der Uni. Er schläft im Eingang der Uni-Zentralbibliothek. Die Ratten pesen um ihn herum, weil er sie füttert. Er ist freundlich. „Die Uni hegt und pflegt ihn.“

dpa

Quelle: op-online.de

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