Kafkas „Amerika“ in den Frankfurter Kammerspielen

Rauschhafte Revue der Bilder

+
Glänzende Schauspieler in einer Comicstrip-artigen Inszenierung: Vincent Glander, Heidi Ecks, Elzemarieke de Vos, Sascha Nathan, Michael Benthin und Hubert Schulz (an der Kamera)

Frankfurt - Philipp Preuss hat Franz Kafkas Romanfragment „Amerika“ auf die Bühne des Frankfurter Schauspiels gebracht - und liefert damit Theaterkunsthandwerk. Von Stefan Michalzik 

Regisseur Philipp Preuss schickt fünf superbe Schauspieler in den Frankfurter Kammerspielen auf Expedition durch den fragmentarischen Roman „Amerika“, den Franz Kafka vor über hundert Jahren geschrieben hat. Zu sehen ist Theaterkunsthandwerk erster Klasse. Mit ein bisschen Video dazu, wie das Preuss so macht. Der zeitkoloristische, mit dunklem Holz vertäfelte Pavillon von Ramallah Aubrecht ist vom Schiffskontor bis zum Hotelaufzug alles in einem. Noch während das Publikum Platz nimmt, trägt Elzemarieke de Vos gekonnt einen Popsong vor, von Kostümbildnerin Eva Karobath als laszive Fassung der Freiheitsstatue zurechtgemacht. Ein verschmitzt ins Publikum lächelnder älterer Herr trägt ein goldgerahmtes Bild mit der ersten Kapitelüberschrift „Der Heizer“ in englisch vorbei - alsdann gleich der erste Schmunzeleffekt: Alle Schauspieler wanken pendelnd wie auf einem Schiff.

Das Gesicht von Michael Benthin als Heizer ist geschwärzt, mit wulstig roten Lippen, nach dem alten Klischee vom „Neger“. Die Rolle von Karl, dem 16-jährigen Jungen aus Deutschland, der von einem Dienstmädchen verführt und daraufhin von seinen Eltern über den Atlantik geschickt worden ist, wandert flugs von Vincent Glander zu Sascha Nathan über. Jeder im Ensemble ist mal Karl. Irgendwann später werden sie es sogar alle sein. Aus dem Heizer wird Karls reicher Onkel Jakob, noch bevor sich Michael Benthin das Schwarze aus dem Gesicht gewischt und einen Zylinder aufgeklackt hat.

Mit präzisem Timing und gestützt von einem anspielungsreichen Soundtrack mit Versatzstücken von Dvoráks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ über Miles Davis bis zu The Doors gleitet das Stück revuehaft von Szene zu Szene. Gut zwei Stunden lang, ohne Pause. Alles ist peppig überzeichnet. Fortwährend fällt jemand auf die Knie, oder es kommt zu slapstickhaften Verwicklungen.

Bilder steigern sich rasant

Im Grunde handelt es sich um einen Comicstrip. Einzelne Bilder steigern sich in schiere Rasanz. Launig geht Heidi Ecks durch die wechselnden Rollen. Sascha Nathan gibt immer wieder jene Momente einer possierlichen Kindlichkeit, die für ihn als Schauspieler typisch sind. Das Kafkasche Motiv von der „schuldlosen Unschuld“ wird hier in eine liebe Pointe getrieben. Zu Beginn des finalen Kapitels „Das Naturtheater von Oklahoma“ lösen sich die Stimmen von ihren Inhabern - mit Heiterkeitsgarantie im Publikum.

„Avantgarde“ trifft „Retro“: Preuss greift ein altbackenes Modell und kreuzt es mit dem „fortschrittlichen“ Anspruch, es aufzubrechen. Tatsächlich ist das Zusammenspiel von Videobildern und Bühne in einzelnen Szenen fruchtbar. Wenn der einsam vorn stehende Karl den verschmelzenden Gesichtern der beiden Tunichtgute Delamarche und Robinson ausgesetzt ist, dann besitzt das starke surrealistische Kraft. Das rechte Auge des einen und das linke des anderen ergeben ein fies-groteskes Paar. Einer der viel zu wenigen starken Momente.

Jede erdenkliche Form des freien Umgangs mit Vorlagen ist zulässig - solange man ernstlich etwas daraus zu schlagen versteht. Eine gefällige und selbstgenügsame Revue schauspielerischer Kabinettstückchen auf Grundlage eines rüde verkürzten Textes aber ist kümmerlich. Der Applaus bei der Premiere ist animiert gewesen. Das ist sehr freundlich.

Weitere Aufführungen am 2., 3., 9., 10., 21. und 30. Mai. Karten gibt es unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

Kommentare