Riskante Reflektionen

Kampf um Platz für Windkraftanlagen

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Sie sind schuld: ein UKW-Drehfunkfeuer zur Navigation des Luftverkehrs.

Frankfurt - Harte Zeiten für die Windkraft. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es praktisch keine Flächen mehr, auf denen die modernen Windmühlen gebaut werden können. Grund sind Sicherheitsvorschriften bei der Navigation von Flugzeugen. Von Michael Eschenauer

Vertreter der Deutschen Flugsicherung in Langen (DFS) und des Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) gaben sich gestern wenig kompromissbereit.

„Da geht nichts mehr“ und „ziemlich ausgeschöpft“ - diese beiden Bewertungen gelten für die meisten der begehrten Standorte von Windparks im Rhein-Main-Gebiet. Axel Raab, Sprecher der Deutschen Flugsicherung, nennt in erster Linie Sicherheitsvorschriften als Ursache. Innerhalb eines Radius von 15 Kilometern rund um die UKW-Drehfunkfeuer dürfe man keine neuen Windkraft-Anlagen genehmigen. Da im Rhein-Main-Gebiet viele derartige Navigationshilfen für an- und abfliegende Flugzeuge stehen, bleibt für neue Windmühlen kaum Platz. So decken die Funkfeuer Gedern, Hünstetten, Frankfurt, Nauheim, Niddatal, Aschaffenburg und Ried durch die sie umgebenden Schutzzonen praktisch das gesamte Umland mit einem Baustopp ab. Ein bisschen geht nach Einschätzung von Raab noch auf Teilen des Taunuskamms und im hinteren Odenwald. Selbst im Vogelsberg seien die Möglichkeiten ausgereizt.

Im Zusammenspiel verschiedener Behörden bei der Genehmigung von Windanlagen spricht das BAF die Genehmigung aus, die DFS begutachtet vorher die projektierten Standorte.

„Wir sind keine Verhinderer der Energiewende“

„Wir sind keine Verhinderer der Energiewende“, so Raab zu jüngsten Vorwürfen, die DFS blockiere durch pauschale Ablehnungen von Windparks den Ausbau der Windenergie. Aber „Sicherheit ist nicht verhandelbar und hat absolute Priorität“. Und der Direktor des BAF, Nikolaus Herrmann, ergänzt: „Zivile Luftfahrt braucht sichere Signale, sonst funktioniert sie nicht.“

Windenergie-Anlagen und die UKW-Drehfunkfeuer der Flughäfen konkurrieren immer um die gleichen Standorte - nämlich hohe Lagen und Berge. „Das ist schlicht und einfach Physik“, so Herrmann zu den Gründen, warum Windkraft und Funkfeuer sich nicht vertragen. So werden die „Radiale“ - das sind die elektromagnetischen Wellen oder Leitstrahlen, die die Funkfeuer im 360-Grad-Rund aussenden - von den Rotorblättern der Windräder häufig reflektiert und umgelenkt.

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Dies hat zur Folge, dass der Pilot plötzlich „zwei Signale empfängt, das Original- und das Störsignal, die sich zu einem falschen Signal vereinigen“, so DFS-Sprecher und Ex-Fluglotse Raab. Da die Radiale die Funktion von Luftstraßen haben, anhand derer die Flugzeuge in das übergeordnete Luftstraßennetz eingespeist werden und es auch wieder verlassen, sind derartige Störungen eine potentielle Gefahr. Hochhäuser, Berge oder Seen seien statisch, so der DFS-Experte. Ihre Störimpulse ließen sich in die Navigation einrechnen. Windenergie-Anlagen veränderten jedoch je nach Wetterlage ihre Rotorposition und damit auch die Abstrahlwirkung.

Potentielle Standorte für Windenergie

Nach Einschätzung von Hermann und Raab ist bei den meisten potentiellen Standorten für Windenergie im Rhein-Main-Gebiet die Stärke der Störungen durch bestehende Anlagen für die Flugzeug-Navigation bereits derart intensiv, dass man keine weiteren „Windmühlen“ genehmigen könne. Bei einem Drittel der bundesweit 64 UKW-Drehfunkfeuer ist im 15-Kilometer-Radius die Windkraft-Kapazität ausgeschöpft.

Man entscheide, so Herrmann, bei der Genehmigung neuer Windparks durch das BAF nicht nach Lust und Laune, sondern sei eingebunden in internationale völkerrechtliche Verträge, namentlich die Vorschriften der International Civil Aviation Organization (ICAO). Sie definiere Fehlertoleranzen und Qualität der Funksignale im Luftverkehr, woraus sich die 15-Kilometer-Abstandsregelung ableite. „Diese Vorschrift besteht seit 2009, vorher galt ein Mindestabstand von nur drei Kilometern“, so Herrmann. Aufgrund neuer Erkenntnisse habe man die Regelung verschärfen müssen. Die Situation, so der BAF-Leiter, habe sich zugespitzt durch die Zahl der Genehmigungsanfragen und die zunehmende Größe und Wirkungsintensität der neuen Windanlagen.

Mittelfristig gibt es Hoffnung

Zumindest mittelfristig gibt es Hoffnung. Derzeit können UKW-Drehfunkfeuer, für die ein Toleranzwert von 1,8 Kilometern links und rechts der Luftstraße gilt, nicht durch das wesentlich ungenauere Navigieren mit satellitengestützten GPS-Signalen ersetzt werden. Bei GPS liegt die Toleranzschwelle bei 9 Kilometern. Dies ist für die An- und Abflugsvorgänge nicht ausreichend. Im Zuge der technischen Weiterentwicklung könnte sich aber die Genauigkeit von GPS in der Luftfahrt verbessern, hieß es gestern. Zudem sei die Kurzstreckenflotte der Airlines derzeit zum größten Teil noch nicht mit GPS-Technik ausgerüstet, so Raab. Eine verpflichtende Umrüstung, initiiert durch EU-Recht, sei denkbar, könne aber dauern. Auch beim Material der Rotoren gibt es Hoffnung. Bislang existiert zwar zu Carbon und Metall, aus dem die Rotoren bestehen, keine Alternative mit geringerer Abstrahlwirkung, Neuerungen seien aber vorstellbar.

Natürlich, so Raab, könne man einfach weiter Windkraft-Anlagen rund um den Flughafen bauen. Doch das gehe auf Kosten der Leistungsfähigkeit des Luftverkehrsdrehkreuzes. „Dann geht es eben einfach langsamer, ein Flieger nach dem anderen“, gibt er zu bedenken. Zudem gingen die Möglichkeiten, neue, die Bevölkerung vor Fluglärm schützende Umgehungsrouten zu finden, in dem Maße zurück, in dem der navigierbare Luftraum kleiner werde. Mit Geld sei das Problem jedenfalls nicht völlig aus der Welt zu schaffen. „Das Problem ist nicht unbegrenzt wegbezahlbar.“

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Quelle: op-online.de

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