Budenzauber im Plattenbau

„Katja Kabanowa“ am Staatstheater Wiesbaden

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Magisches Frauen-Dreieck: Sabina Cvilak (Katja), Silvia Hauer (Warwara) und Dalia Schaechter (Kabanicha)

Wiesbaden - Knallhart realistisch bringt Regisseur Matthew Wild am Staatstheater Wiesbaden eine Janácek- Deutung heraus, die auch musikalisch überzeugen kann. Von Axel Zibulski 

Aus der fiktiven Wolgastadt Kalinow, in der Alexander Ostrowskis Schauspiel „Das Gewitter“ ebenso spielt wie Leos Janáceks darauf basierende Oper „Katja Kabanowa“, ist eine postsowjetische Plattenbausiedlung geworden. Mit Putin-Plakat im Buswartehäuschen, mit Alkohol und einer Rakete, die als rostiges Spielgerät immer am Boden bleiben wird. So, wie Katja Kabanowa vom Fliegen ihrer Seele nur träumt.

Knallharter Realismus ist Ausgangspunkt für Matthew Wilds Wiesbadener Neuinszenierung von Janáceks 1921 uraufgeführter sechster Oper. Auf der Einheitsbühne von Matthias Schaller (Bühne) und Susanne Füller (Bühne, Kostüme) bleibt die Wolga unter Gully-Deckel verbannt. Zugleich blitzen immer wieder irreale Bilder auf, von Teufeln in den Fenstern der bühnenhohen Plattenbau-Fassade etwa, die das Szenenbild schlaglichthaft zur Innenwelt Katjas wandeln. Sie ist mit dem Muttersöhnchen Tichon verheiratet, und als der verreist, hat Katja eine Affäre mit Boris. Während eines Gewitters gesteht sie allen ihren Ehebruch und stürzt sich ins Wasser.

Eine Videoprojektion zeigt Katja immer wieder vorahnungsvoll durch Fluten tauchend. Diese verstörende Mischung aus slawischer Mythenwelt und gegenwartsgebundener Realität spiegelt treffend das Changieren der Musik Janáceks wider, die modern, wahr, aufreibend klingt, zugleich aber eindringliche Anleihen am Romantischen nimmt. Wiesbadens zum Saisonende scheidender Generalmusikdirektor Zsolt Hamar, dem eine seiner besten Arbeiten gelingt, hält das Hessische Staatsorchester zu vorzugsweise leisem, immer aber soghaften Drängen an und ist für das Ensemble, das die tschechisch gesungene, deutsch übertitelte Oper zwingend umsetzt, ein Glück. Niemand muss forcieren, was Janáceks sprachgebundenen Deklamationsstil empfindlich unterlaufen würde.

Sabina Cvilak singt und spielt die Vielschichtigkeit der Titelfigur exzellent aus, mit dem Versuch devoter Süßlichkeit gegenüber Schwiegermutter Kabanicha, mit glühender Präsenz in der Szene mit Boris, dem Mirko Roschkowski satt gestützten tenoralen Nachdruck gibt, schließlich grandios entrückt in der Wahnsinnsszene. Als ihr blasser Gatte Tichon singt Aaron Cawley geschliffen fein. Die Alten entfalten dämonische Wucht, Dalia Schaechters eiserne, fassadenhafte Kabanicha, Wolf Matthias Friedrichs lebensrau tönender Onkel Dikoj. Bei aller klugen erzählerischen Stringenz gönnt sich Matthew Wild einige reizvolle Assoziationen. Drei höchst heutig-virile Wassergeister tauchen in den flachen Bassins auf, die sich langsam füllen. Und ein wenig Budenzauber darf im Spiel sein, wenn das Gewitter schon einmal einen Vorboten in das Wartehäuschen schlagen und es über der plakatierten Putin-Ikone kräftig zündeln lässt. Nicht zum ersten Mal, verrät der rußgeschwärzte Plattenbau dahinter.

Einen glücklichen Ausweg gibt es womöglich für den Lehrer Kudrjasch (auch vokal jungenhaft: Benedikt Nawrath) und seine Warwara, Pflegetochter der bösen Kabanicha – aber die hat ja auch vorher frech einen Madonnenteppich ausgeklopft. Allen anderen dürfte das kyrillische „Na, warte!“, das ein russischer Comic-Hase dem großen Wolf auf einem Plakat neben dem Hauseingang entgegenhält, nur hämisch vorkommen. Denn alles wiederholt sich, deutet Katja an, wenn sie, bevor der Vorhang fällt, wieder aus dem Wolga-Kanal zurückklettert. Nächste Aufführungen am 21., 24., 27. und 30. Januar sowie am 4., 7. und 20. Februar. Karten gibt es unter 0611/132-325.

Quelle: op-online.de

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