Kehrseite des Erinnerns

Ausstellung im Historischen Museum widmet sich dem Vergessen

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„Vergessen - Warum wir nicht alles erinnern“: Ein Journalist betrachtet einen Glaskasten voller vergessener Gegenstände, die am Frankfurter Flughafen gefunden wurden. Die neue Ausstellung im Historischen Museum geht den vielfältigen Formen des individuellen und kollektiven Vergessens nach.

Frankfurt – Auf Zetteln sind die Namen von Filmgrößen wie Jean Gabin oder Billy Wilder zu finden – oder einfach die von Familienangehörigen. Karin Schulte hat alles gesammelt, was ihr demenzkranker Vater über mehrere Jahre hinweg aus Angst vor dem Vergessen handschriftlich festgehalten hat. Von Thomas Maier

Die Vitrine mit hunderten bunten Zetteln gehört zu den eindrucksvollsten Objekten der Schau „Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“ im Frankfurter Historischen Museum. Bei der nach dem Frankfurter Arzt Alois Alzheimer benannten Krankheit, an der in der Bundesrepublik rund 1,7 Millionen Menschen leiden, geht es um individuelles Vergessen. Doch die Ausstellung widmet sich auch dem Gedächtnis von Kulturen oder Nationen, die sich nach traumatischen Erfahrungen mit der Erinnerung schwer tun oder diese ganz verweigern.

Dazu gehören zum Beispiel die Opfer des Holocaust. Die Schau beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Trauma der Shoah-Opfer, sondern anhand von Kinderzeichnungen auch mit denen von Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind. Zu sehen sind aus dem Bosnien-Krieg der 1990er Jahre auch ein alter Walkman und eine Adidas-Mütze von Kindern – Leihgaben aus dem War Childhood Museum in Sarajevo.

Im Alltag ist Erinnern für den Menschen oft mit bestimmten Gegenständen verbunden. Zugleich ist es eine kulturelle Technik: Mithilfe von Notizen wappnet man sich gegen das Vergessen. In der Ausstellung sind achtlos weggeworfene Einkaufszettel genauso zu sehen wie der berühmte Spickzettel von Nationaltorwart Jens Lehmann aus dem Jahr 2006. Beim Elfmeterschießen im WM-Viertelfinale gegen Argentinien waren darauf die Torecken-Vorlieben der gegnerischen Schützen festgehalten.

Kulturgeschichtlich ist für den Prozess des Erinnerns die Rolle des Bildes immer wichtiger geworden. Die Fotos in Familienalben haben das Erinnern an die Vorfahren wachgehalten. Inzwischen hat die digitale Bilderflut die Welt erobert.

Rund 400 Objekte hat die Schau zum Thema zusammengetragen. Ergänzt wird sie von Arbeiten 20 renommierter Künstler, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Darunter sind Kader Attia, Christian Boltanski, Mark Dion oder Hans-Peter Feldmann. Für die Macher der Ausstellung sind Vergessen und Erinnern keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille. Vergessen wird dabei als notwendiger Filter des Gedächtnisses betrachtet.

Prominente, die ihr Gedächtnis verloren 

Vieles wird in der Schau angesichts des komplexen Themas zwangsläufig nur gestreift. Am Rande geht es auch um die durchdigitalisierte Gesellschaft, in der Online-Konzerne wie Facebook oder Google alles für immer und ewig festhalten wollen – eine ganz neue Form von Erinnerungskultur. „Durch das Internet wird das Recht auf Vergessen als eine neue Tugend entdeckt“, stellt dazu der Direktor des Historischen Museums, Jan Gerchow, fest. (dpa)

„Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“, bis 14. Juli im Historischen Museum Frankfurt, geöffnet dienstags bis freitags, 10 bis 18 Uhr, mittwochs, 10-21 Uhr, samstags und sonntags, 11-19 Uhr.

Quelle: op-online.de

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