Kein Abend wie jeder andere

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Die Band „Abendroth“ mit Howard Scarr in der Mitte.

Frankfurt - Als Howard Scarr im Jahr 1986 den Frankfurter Musiker Jocco Abendroth traf, hatte der Brite schon eine Karriere als Prog-Rocker hinter sich. Von Detlef Kinsler

Mit den damals in Deutschland angesagten Westernhagens, Maahns und Niedeckens konnte er daher erst einmal gar nichts anfangen. „Aber mit der Zeit habe ich gelernt, dass auch ,einfache Musik’ wirklich gut sein kann“, erinnert sich der Keyboarder schmunzelnd. An die von amerikanischen Vorbildern wie Bob Seger und Bruce Springsteen geprägte Musik des in Bad Camberg geborenen Sängers Jocco Abendroth hat sich Scarr dann jedenfalls schnell gewöhnt.

1987 erschien Abendroths viel beachtetes Debüt „Viel zu heiß“ – mit Scarr an den Tasten. Die Single „Herzen müssen brennen“ wurde zwar nie in den Hitparaden notiert, war aber für viele ein gefühlter Hit. Trotzdem brachten auch zwei weitere Alben 1989 und 1990 nicht den erhofften kommerziellen Durchbruch.

Zehn Jahre, von denen Abendroth fast drei in einem Gefängnis in Havanna auf Kuba verbrachte, mussten Jocco-Fans dann warten, bis er mit einer kleinen Sensation aufwartete. Denn die Aufnahmen für die CDs „Aggayu“ und „Havana“ waren stark von karibischen Rhythmen und kubanischer Santeria geprägt. Aber über Achtungserfolge kamen auch diese Produktionen nicht hinaus. Unsteter Lebenswandel, die Wahl meist falscher Berater, mangelnde Kontinuität – all das konnte auch ein Musikmanager-Profi wie Bob Lyng nicht mehr gut machen. 2007 erlag Jocco Abendroth einem Krebsleiden.

War der Musiker auch nicht ganz vergessen, so kam Anfang des Jahres doch etwas überraschend die Meldung, dass sich sechs seiner ehemaligen Mitstreiter zusammengefunden haben, um unter dem Namen „Abendroth“ die Musik von einst wieder auf die Bühne zu bringen. „Den Stein brachten Perkussionist Mark Collazo und Bassist Tony Spagone im Spätsommer 2010 ins Rollen“, erzählt Muli Müller, der Gitarrist der ersten Stunde. „Mich musste man nicht überreden, Joccos Songs wieder zu spielen. Schon die erste Probe zeigte, wie viel Spaß das macht.“ Von einer Nostalgie-Veranstaltung aber will keiner der Beteiligten was wissen. „Ich finde dass diese Musik auch ins Jahr 2011 noch ziemlich gut passt und hoffe, dass ich nicht der einzige bin, der das so sieht.“

Die Rolle des Sängers bei dem Projekt übernimmt mit Tom Ripphahn von „Hands On The Wheel“ ein Mann, dessen Stimme das richtige Folk-, Blues- und Rockfeeling garantiert und der als Ehre empfand, von den anderen gefragt worden zu sein. „Joccos Musik repräsentiert natürlich schon das Lebensgefühl einer vergangenen Zeit, Rebellion und das Finden des eigenen Weges außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen“, sagt Ripphahn.

Wenn das „Abendroth“-Konzert morgen Abend (Beginn 20 Uhr) im Sinkkasten Arts Club in Frankfurt absolviert worden ist, wird Howard Scarr sofort nach Hause fahren, um sich die „Oscar“-Verleihung anzuschauen. „Das habe ich tatsächlich vor, aber es ist wahrscheinlicher, dass ich vorm Fernseher einschlafe und alles verpasse“, befürchtet er. Dann sieht er womöglich nicht, dass er vielleicht auch seinen Teil der berühmten Film-Trophäe mitgewinnt. Seit dem letzten „Batman“-Film nämlich arbeitet Scarr an den Sounddesigns des Filmmusik-Komponisten Hans Zimmer mit, übrigens auch ein gebürtiger Frankfurter. Am für den „Oscar“ nominierten Soundtrack zum Film „Inception“ hat Scarr sogar mitkomponiert. Es könnte für ihn also ein perfekter Sonntag werden.

Quelle: op-online.de

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