Kein Heulen ohne Tränen

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Die Biologin Marion Ebel heult in der „Alten Fasanerie“ in Hanau-Klein-Auheim mit ihren Polarwölfen. Die 47-jährige Wissenschaftlerin pflegt ein inniges Verhältnis zu ihren Polarwölfen, die sie im „anti-autoritären“ Stil erzogen hat. Das morgendliche Schmusen gehört ebenso zu den Ritualen wie das gemeinsame Heulen.

Hanau - Zum Frühstück gibt es Rindfleisch. Marion Ebel öffnet das Tor zum Gehege und schmeißt ihre Lieblingen im Haneur Wildpark dicke Brocken hin. Nachdem für das leibliche Wohl gesorgt ist, verteilt die Biologin Streicheleinheiten. Von Jörn Perske (dpa)

Sie krault den Tieren das Fell, sie lecken ihr als Dankeschön über das Gesicht. Das morgendliche Schmuse-Ritual mit den Raubtieren ist für Ebel so normal wie Kaffeetrinken. Ungewöhnlich jedoch: Die Wissenschaftlerin pflegt solch ein inniges Verhältnis zu Polarwölfen. „Für die Drei bin ich ein Sozialpartner. Wir haben großes Vertrauen zueinander“, sagt sie.

Rückkehr der Wölfe

In Deutschland war der Wolf um 1850 ausgerottet.

1976 wurde er gesetzlich unter Schutz gestellt. Nach dem Mauerfall kam der Wolf wieder zurück.

Derzeit leben vier Rudel mit etwa 40 Tieren in Brandenburg und Sachsen. Ein Wolf lebt auch seit zwei Jahren im nordhessischen Reinhardswald.

Weltweit wird das Vorkommen auf 150.000 Exemplare geschätzt. In Europa leben die meisten in Russland. Hessen ist nach Ansicht der Hanauer Biologin Marion Ebel ein „geeigneter Lebensraum“ für Wölfe.

Ich könnte mir vorstellen, dass man auch hier ein Rudel in freier Wildbahn ansiedeln könnte“, sagte sie. Außerdem sei der Wolf sehr anpassungsfähig.

Vor ein paar Jahren war sie für das Trio sogar noch die Wolfsmutter. Sie zog Scott, Khan undAyla vom Welpen-Alter an mit der Milchflasche auf. Das allein ist schon selten. Zudem erzog die Wolfsforscherin die Raubtiere auf die nette Tour im „anti-autoritären Stil“. „Die meisten gehen mit Wölfen hierarchisch um und nehmen selbst die Rolle des Alpha-Tiers ein. Ich gehe einen eigenen, ungewöhnlichen Weg. Ich habe sie bestimmt nicht zu weichen Haustieren gemacht, aber gezähmt“, erklärt die 47-jährige Hanauerin, setzt sich zwischen die schneeweißen Raubtiere und stimmt das Wolfsheulen an. Nur wenige Sekunden dauert es, bis Scott, Khan und Ayla einstimmen und ihre Laute durch den ganzen Park schallen. „Wenn wir Zuhörer haben, sind die ganz ergriffen. Einigen kommen sogar Tränen der Rührung - solch ein schönes Gänsehaut-Erlebnis kann das sein“, sagt Ebel, die regelmäßig Wolfsheul-Nächte im Wildpark veranstaltet. Ein paar Hundert Zuhörer kommen zu den tierischen Konzerten. Alles nur Show? Ebel sagt, die Tiere sollten die Besucher neugierig machen. Sie will mit ihren „Vorzeige-Wölfen“ Werbung für die über Jahrhunderte verfolgten und zeitweise ausgerotteten Tiere machen. „Sie sollen Öffentlichkeitsarbeit für ihre Art machen und zur Aufklärung beitragen.“ Für viele Menschen sei der Wolf noch heute ein gefährlicher Räuber, den sie lieber tot als lebendig sehen.

Eintrittspreise: 4 Euro, Kinder 2 Euro, Kinder unter vier Jahren kostenlos; Wolfsheulen: 2. Oktober, 17 Uhr, 2. November, 17 Uhr.

Weitere Information gibt es auf der Internetseite von Marion Ebel. Und auf der Internetseite des Wildparks „Alte Fasanerie“.

Doch auch Ebel weiß um die Gefahr, die von den kräftigen und geschickten Tieren ausgehen kann. „Sie sind ja sehr ruppig miteinander.“ Wölfe haben eine Beißkraft von 1,5 Tonnen. „Da zerbröselt jeder Knochen wie Zwieback“, vergleicht Ebel trocken. In den 1980er Jahren habe es mal einen Unfall gegeben, als ein Wolfsforscher in Hanau von einem Rudel angefallen wurde. Für sie selbst sei es noch nie brenzlig geworden. Im Gegenteil: „Die Tiere sind hochsensibel. Wenn ich Kreuzschmerzen habe, spüren sie das sofort und gehen behutsamer mit der Mama um.“

Im Alter von zehn Tagen kamen die drei kleinen Wölfe im Frühjahr 2004 vom Zoo in Stralsund in den Wildpark nach Klein-Auheim. „Wenn die Tiere älter als 14 Tage sind, kann man nicht mehr diese tiefe Bindung aufbauen. In den ersten Monaten zählte jede Minute, die ich mit ihnen verbracht habe. Deswegen habe ich zunächst auch wochenlang mit ihnen in einem Bauwagen geschlafen, der im Gehege stand“, erzählt Ebel. „Wölfe stinken im Gegensatz zu Hunden Gott sei Dank nicht. Sie riechen fantastisch. Und Liebe geht ja bekanntlich durch die Nase.“

Sie war noch nie länger als drei Tage von den Wölfen getrennt. In den Urlaub verreist sei sie seit Jahren nicht mehr. Belohnt wird sie durch die Erlebnisse mit den Wölfen. „Im Rudel ist immer etwas los. Bei einer Rotwildgruppe langweilt man sich meist im Gegensatz dazu zu Tode“, findet die wissenschaftliche Leiterin des Wildparks. Pläne, das Rudel zu vergrößern, laufen schon. „Wir wollen im nächsten Jahr zwei, oder drei neue Welpen holen und sie in das Rudel integrieren.“ Dem Leitwolf Scott ist es noch nicht gelungen, mit der Wölfin Ayla Nachwuchs zu zeugen. „Ayla macht alles richtig. Aber Scott veranstaltet da eher Gymnastik. Khan darf aufgrund der Rangordnung nicht ran.“

Polarwölfe können bis zu minus 50 Grad ertragen

Polarwölfe sind die am wenigsten bekannte Unterart des Wolfes (Canis lupus). Sie zählen zur Familie der Hunde und leben hoch im Norden. Da sie in der rauen Arktis herumstreunen, ist ihr Leben wenig erforscht. Im Vergleich zum Europäischen Wolf haben sie ein weißes, wesentlich dichteres Fell mit 6.500 Haaren auf einem Quadratzentimeter Fell. Damit können sie den eisigen Temperaturen von Minus 50 Grad trotzen.

Polarwölfe sind größer als andere Wölfe. Sie wiegen zwischen 60 und 80 Kilogramm, ihre Standhöhe beträgt zwischen 80 und 100 Zentimetern. Die Weibchen sind kleiner und leichter. Polarwölfe messen zwischen 90 und 150 Zentimetern vom Kopf bis zu Schwanzspitze und sind neben den arktischen Wölfen die größte Unterart. Polarwölfe, auch als Tundrawölfe bekannt, werden etwa sieben Jahre alt, in Gefangenschaft bis zu 14 Jahre. Sie leben in Rudeln von sieben bis zehn Tieren. Die Weibchen werfen meist drei bis fünf Welpen. Mit zwei Jahren werden sie geschlechtsreif. Sie jagen organisiert und ausdauernd im Rudel und fressen so ziemlich alles, was sie zwischen die Zähne kriegen.

Quelle: op-online.de

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