Kinderknast oder Wohngruppe

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Pater Franz Harings, Leiter des Jugendhilfezentrums Don Bosco Sannerz, sitzt in Sinntal-Sannerz vor dem Neubau der intensivpädagogischen Einrichtung für gewaltbereite Kinder.

Sinntal/Wiesbaden - Keine Gitterstäbe, kein Stacheldraht, dafür aber Panzerglas und dicke Sicherheitstüren, die den quasi inhaftierten Kindern den Weg in die Freiheit versperren. Von Jörn Perske (dpa)

Ab 1. Dezember nimmt die von Kritikern „Kinderknast“ genannte Einrichtung in Sinntal (Main-Kinzig-Kreis) ihren Betrieb auf. Der Leiter des Hauses, Pater Franz Harings, kann den Begriff nicht mehr hören. Er nennt das Haus eine „intensivpädagogische Wohngruppe“. Es ist ein Heim für verhaltensauffällige, gewaltbereite, aber strafunmündige Kinder zwischen 10 und 13 Jahren - das einzige seiner Art in Hessen, seit 1978 das letzte geschlossene Heim dicht gemacht wurde. Misshandlungen und Skandale in Heimen in den 1950 und 1960er Jahren waren da vielen noch in Erinnerung.

Das Deutsche Jugendinstitut (München) hat ermittelt, dass sich die Zahl der geschlossenen Heimplätze in Deutschland seit 2004 auf mittlerweile 360 verdoppelt hat. „Es ist ein klar zunehmender Trend“, sagt Hanna Permien von der Abteilung für Jugendhilfe. Eine Studie belege zwar, dass der Großteil der Kinder nach solch einer Therapie auf dem Weg der Besserung sei. Doch sie kritisiert, dass den Behörden oft nichts Besseres einfalle, als die Problem-Kinder in solche Institutionen abzuschieben.

Wasserschaden sorgte für Verzögerungen

Das Kinderheim in Sinntal sollte eigentlich schon am 1. August öffnen, doch ein Wasserschaden in dem fünf Millionen Euro teueren Bau sorgte für Verzögerungen. Bereits im Sommer stritten sich im Landtag in Wiesbaden die Fraktion über die Einrichtung. CDU und FDP befürworten das Heim, SPD und Linke sind klar dagegen, die Grünen lehnen es bedingt ab - und sehen auch gar keinen Bedarf.

Das hessische Sozialministerium, das den Bau mit 1,3 Millionen Euro bezuschusste, sieht nach Umfragen bei Jugendämtern Bedarf und geht von einer Vollauslastung aus. Bislang mussten strafunmündige Kinder in Einrichtungen benachbarter Bundesländer geschickt werden. „Hier kommen Kinder her, die für pädagogische Maßnahmen nicht mehr zugänglich sind“, sagt Harings. Er meint damit Kinder, die einiges auf dem Kerbholz haben: etwa Körperverletzung, Einbruch oder Diebstahl.

Das Haus ist einem Jugendhilfezentrum angegliedert

Das Haus ist einem Jugendhilfezentrum angegliedert. Von den großen Fenstern des modern eingerichteten Baus aus sehen die Bewohner malerische Hügel und Wälder - Gedanken an ein Gefängnis sollen erst gar nicht aufkommen. Die 12,5 Quadratmeter großen Zimmer haben Tisch und Stuhl - beides fest verankert-, Regal und Bett. Waschbecken und Toiletten sind aus Porzellan, Harings findet „Edelstahl-Klos wie im Knast abartig“.

Die Pädagogen kennen sich mit schlagenden Kindern aus und sind in der Selbstverteidigung geschult, wie Harings sagt. Den elf Betreuern kommt eine wichtige Aufgabe zu: „Die Kinder müssen den Pädagogen als solchen erleben und nicht als Schließer.“

Sportlich betätigen können sich die Kinder an einer großen Kletterwand, beim Basketball-, Fußball- und Tischtennisspielen. Wer klettern kann, könnte auch aus dem Heim ausbrechen. Man muss nur über ein Fenstersims die 3,50 Meter hohe Mauer überwinden. Ein Konstruktionsfehler? „Wäre einer, wenn es ein Knast wäre“, sagt Harings.

Quelle: op-online.de

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