Frankfurter FH-Professorin will bessere Sozialarbeiter

Das Kindeswohl stets im Blick

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Bestmögliche Qualifikation für künftige pädagogische Fachkräfte Die Pädagogik-Professorin Maud Zitelmann (rechts) bei der Preisverleihung. Mit ihr freuen sich ihre neunjährige Tochter und eine erwachsene Pflegetochter.

Frankfurt - Für eine bessere Ausbildung von Sozialarbeitern setzt sich die Frankfurter Pädagogikprofessorin Maud Zitelmann ein. Von Christian Riethmüller

Vor allem auf den schwierigen professionellen Umgang mit Fällen der Vernachlässigung oder des Missbrauchs von Kindern will sie die Studierenden vorbereiten.

Die kleine Siri hatte kein gutes Leben. Von ihren Eltern schwer misshandelt und gequält, starb das acht Monate alte Mädchen Anfang Mai 2008. Der Fall des Kindes, dessen Name „gutes Leben“ oder „Glück“ bedeutet, schlug nicht nur wegen seiner Grausamkeit Wellen. Auch eine junge Sozialarbeiterin geriet ins Visier, weil sie möglicherweise durch konsequentes Eingreifen die Ermordung des Babys hätte verhindern können. In einem Verfahren vor dem Amtsgericht Wetzlar wurde die Sozialarbeiterin aber vom Vorwurf der Körperverletzung durch Unterlassen freigesprochen. Sie habe sich an die Vorschriften gehalten, urteilte das Gericht.

Auch in einem zweiten Prozess vor dem Landgericht Limburg gab es einen Freispruch für die Sozialarbeiterin. „Sie konnte sich darauf berufen, nicht entsprechend ausgebildet worden zu sein, um tatsächlich die Kindesmisshandlung erkennen zu müssen“, sagt Maud Zitelmann. Der Pädagogikprofessorin, die seit 2007 an der Fachhochschule Frankfurt unterrichtet, ist der Fall noch gut in Erinnerung. Nicht zuletzt, weil die Sozialarbeiterin eine Absolventin der Frankfurter FH war.

Bessere Qualifikation der Fachkräfte

Auch deshalb hat es sich Maud Zitelmann zur Aufgabe gemacht, für eine bessere Qualifikation der zukünftigen pädagogischen Fachkräfte zu sorgen. Nicht nur theoretisch sollen diese gewappnet sein, sondern auch die Kompetenz erlangen, frühzeitig Anzeichen von Missbrauch und Gewalt zu erkennen. Ihre Veranstaltungen behandeln daher nicht nur pädagogische Fragen, sondern führen die Studierenden auch an Psychologie und Recht heran. Erfahrungsberichte aus Literatur und Film, Gastvorträge von Medizinern und Juristen, Besuche bei Gericht oder die Analyse von Aktenmaterial sorgen für eine praxisnahe Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Kinder- und Jugendhilfe.

Wie die 50-jährige Wissenschaftlerin sagt, ist es mittlerweile gelungen, das Thema Kinderschutz im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit an der Fachhochschule Frankfurt zu verankern. Es gebe nun das Wahlmodul „Hilfen zur Erziehung/Kinderschutz“, das über drei Semester in die Thematik einführt und auch Praktika einbindet. Das Wahlmodul sei bei den Studierenden stark nachgefragt. Außerdem gehört seit 2012 der interdisziplinär durchgeführte „Fachtag Kinderschutz“ obligatorisch zum Studium.

Kaum Profis für Kinderschutz

Damit ist allerdings erst ein Anfang getan. „Es gibt nur eine Handvoll Profis, die sich in Deutschland mit dem Thema Kinderschutz beschäftigt“, sagt Zitelmann. Neben dem Mangel an Lehrkräften hat die Frankfurterin, die selbst erst eine Erzieherinnen-Ausbildung absolvierte, bevor sie dann an der Goethe-Universität promovierte, auch noch ein grundsätzliches Problem ausgemacht. „In der Jugendhilfe wird noch sehr oft elternorientiert gearbeitet, was gefährdete Kinder immer wieder in die gleichen Probleme zurückstürzt“, sagt Zitelmann, die in ihrer Lehre konsequent die Bedürfnisse des seelisch belasteten Kinds in ihren Mittelpunkt stellt und diesen Ansatz auch an ihre Studierenden vermittelt.

Dort hat sie auf jeden Fall Gehör gefunden. Es waren 20 ihrer ehemaligen Studenten, die Maud Zitelmann gemeinsam für einen Preis vorgeschlagen hatten, der erfahrungsgemäß eher Universitätsprofessoren als deren Kollegen an Fachhochschulen verliehen wird: der vom Land Hessen und der Hertie-Stiftung vergebene Hessische Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre.

Aufbau eines Netzwerks

Diesen mit 50.000 Euro dotierten Preis hat Maud Zitelmann im Dezember vergangenen Jahres in Wiesbaden verliehen bekommen, nicht zuletzt für ihre „herausragende Lehre auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe, wie es anerkennend hieß.

Das Preisgeld, von dem 10.000 Euro an sie persönlich und 40.000 Euro an ihren Fachbereich gehen, will die Mutter einer neunjährigen Tochter für eine Lehre einsetzen, die nah dran ist am Kind. Unter anderem soll eine Plattform im Internet eingerichtet werden, auf der Studierende und Absolventen Texte und Erfahrungsberichte austauschen können und Praktikumsstellen angeboten werden. Ein derartiges Angebot gibt es bisher nur in sehr eingeschränkter Form in einem sozialen Netzwerk, wo ehemalige Studierende der FH Frankfurt Erfahrungen austauschen und ein Netzwerk zur „Beratung von Pflegefamilien“ aufgebaut haben.

Zitelmann will zudem die Fachbibliothek in ihrem Arbeitsbereich in Frankfurt erweitern und ein bis zwei Tagungen zu ihrem Thema organisieren, stets in der Hoffnung, dass sich Schicksale wie jenes von Siri künftig vermeiden lassen.

Quelle: op-online.de

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