„Sparbuch-Schock“

Kirchen befürchten erneute Austrittswelle

+
Bei Amtsgerichten kann man eine Wartenummer für den Antrag auf den Austritt aus der Kirche ziehen. Die Kirchen haben im vergangenen Jahr eine Austrittswelle erlebt.

Frankfurt - Seit mehreren Jahren kehren viele Menschen den Kirchen den Rücken. 2014 könnte sich das laut ersten Stichproben noch verschärft haben. Grund ist diesmal nicht ein Bau-Skandal wie der in Limburg, sondern ein Missverständnis.

Noch steht es nicht fest, doch die Kirchen in Hessen stellen sich schon einmal auf schlimme Nachrichten ein. Erste Zahlen deuten daraufhin, dass vergangenes Jahr erneut scharenweise Christen ihren Austritt erklärt haben - aus der katholischen wie der evangelischen Kirche, ergab eine dpa-Umfrage in Hessen. Schuld ist diesmal kein innerkirchlicher Skandal wie derjenige, der das Bistum Limburg zuletzt erschüttert hat. Vermutet wird, dass eine Umstellung bei der Steuer die Gläubigen vergrätzt hat.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) spricht von einem „Sparbuch-Schock“ und befürchtet einen Mitglieder-Austritt wie schon lange nicht mehr. Hochgerechnet könnten 2014 rund 16 000 Gläubige der Kirche den Rücken gekehrt haben, teilte die EKHN in Darmstadt mit. Das sei deutlich mehr als im Jahr davor, wo 13.700 Mitglieder gingen - damals war es ein „Tebartz-Effekt“ wegen des inzwischen abberufenen katholischen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst. Ähnlich viele Austritte wie die nun befürchteten habe es zuletzt in den 1990er Jahren wegen des Solidaritätszuschlags geben, sagte ein EKHN-Sprecher. Er hofft auf eine „vorübergehende Austrittswelle“.

Umstellung beim Einzug der Kirchensteuer auf Kapitalerträge

Hinter dem „Sparbuch-Schock“ steht eine Umstellung beim Einzug der Kirchensteuer auf Kapitalerträge. Banken und Versicherungen führen die Steuer seit Anfang 2015 direkt ab, Kirchenmitglieder müssen dafür keinen gesonderten Antrag mehr stellen. Vermutlich hätten viele Menschen fälschlicherweise angenommen, es handle sich um eine neue Steuer, sagte der EKHN-Sprecher. Neu ist aber nur das Verfahren. Ein Anstieg der Austritte wurde in der größten hessischen Stadt Frankfurt und Teilen ihrer Umgebung registriert. Das Amtsgericht zählte nach Auskunft eines Sprechers 4885 Austritte, mit 2575 waren es mehr evangelische Christen als katholische (2 267). Vergangenes Jahr betrug die Zahl noch insgesamt 4649, im Jahr zuvor 3909.

Den Skandal um Bischof Tebartz-van Elst bekam das Bistum Limburg besonders deutlich zu spüren: Im Jahr 2013 trat eine Rekordzahl von fast 8000 Katholiken aus - rund 3500 mehr als 2012. Daten von 2014 liegen nach Angaben der Diözese noch nicht vor. Das Amtsgericht Limburg zählte für seinen Bereich im Jahr 2013 fast 780 Menschen, die der katholischen Kirche den Rücken kehrten. Vergangenes Jahr waren es 512. Der Skandal erlebte im Herbst 2013 einen Höhepunkt, im März 2014 berief der Papst Tebartz-van Elst von seinem Posten ab. Auch das Bistum Fulda wird seine Bilanz zu Kirchenaustritten erst in ein paar Monaten vorlegen können. Doch Sprecher Christof Ohnesorge sagt bereits jetzt: „Wir rechnen mit mehr Austritten.“ Er nennt die Umstellung beim Einzug der Kirchensteuer auf Kapitalerträge ebenfalls als Hauptgrund: „Das hat Missverständnisse verursacht und ist es sehr ärgerlich. Offenbar dachten viele Menschen, es gebe eine neue Steuer.“ Dass daraus solch eine Austrittswelle resultiere, sei nicht abzusehen gewesen.

Im Stadtgebiet Fulda liegt Ohnesorge mit seiner Einschätzung richtig. Wie eine Stichprobe beim Amtsgericht Fulda ergab, ist die Zahl der Kirchenaustritte 2014 deutlich gestiegen. Bei den Katholiken erhöhte sich die Zahl der Austritte von 505 (2013) auf 606 (2014), bei den evangelischen Christen von 156 auf 284, wie Gerichtssprecher Ulrich Jahn sagte. Zu den Gründen konnte er keine Angaben machen. Auch in Kassel und Hofgeismar sind die Kirchenaustritte zuletzt drastisch gestiegen. 2011 hatten knapp 1700 Gläubige den Kirchen den Rücken gekehrt, im vergangenen Jahr waren es laut Amtsgericht Kassel bereits fast 3000. Dies war ein Anstieg um rund 700 im Vergleich zum Vorjahr. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) hat noch keine Zahlen.

Dem Bistum Mainz, das sich bis nach Hessen zieht, liegen auch noch keine Zahlen vor. Jeder Austritt werde wahrgenommen, sagte aber Bistumssprecher Tobias Blum: „Als Bistum Mainz suchen wir Kontakt zu den Menschen, die sich von der Kirche abwenden. Wenn möglich, bemühen sich die Pfarreien um ein Gespräch oder schreiben einen Brief, damit deutlich wird, dass der Kirche der Verlust eines Mitglieds keineswegs gleichgültig ist.“

dpa

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare