Kitas wollen besser werden

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Hat das Personal in Kitas noch genug Zeit für die Kleinen?

Qualität sichern - auch bei steigenden Anforderungen: Die Kindertagesstätten in Hessen stehen vor riesigen Herausforderungen. Und viele Eltern fragen sich natürlich: Wie schaffen die das? Und woran erkenne ich eine „gute Kita“? Von Peter Schulte-Holtey

In der hessischen Landesregierung ist man sich inzwischen einig: Ein Kita-Gütesiegel, eine Art TÜV-Plakette für gute Kita-Qualität, muss her. Eltern soll eine Einschätzung der Leistungsfähigkeit der jeweiligen Einrichtung erleichtert werden. Kriterien für einen peniblen Qualitätscheck werden im Sozialministerium in Wiesbaden ausgearbeitet. Jetzt schon steht fest, dass dabei auch Leistungen beim Sprachtraining verglichen werden. Seit zwei Jahren gibt es für Einrichtungen, die sich bei der Sprachförderung hervorgetan haben, das „Kiss“-Siegel („Kinder-Sprach-Screening“); bei Kindern im Alter von 4 bis 4,5 Jahren sollen Defizite und Förderbedarf früh erkannt werden. Gute Noten beim „Kiss“-Siegel vergrößern die Chancen, beim neuen „TÜV“ zu bestehen.

Die Expertin ist optimistisch

Auch bei konfessionellen Kitas gibt es in Zukunft ein Gütesiegel. In evangelischen Einrichtungen wurden „Qualitätsentwicklungsprozesse“ eingeführt. Die katholischen Träger setzen auf ein „wertorientiertes Qualitätsmanagementsystem (QM)“ zur Verbesserung der Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsangebote. Handbücher und neue Dienstleistungsangebote wurden im katholischen Projekt entwickelt, intensive Diskussionen über Themen wie „Fehlerkultur“ oder „Beurteilung der Dienstleistungsqualität“ geführt. Helene Schustacek, Referentin für Kindertagesstätten beim Caritasverband im Bistum Mainz, ist voll des Lobes: „Die Kita-Leiterinnen lernten die QM-Werkzeuge für die Verbesserung der pädagogischen Arbeit einzusetzen und beteiligten ihre Mitarbeiterinnen an der Leitbildentwicklung, an der Erarbeitung der Qualitätsziele.“

Und die Expertin ist optimistisch: „Die Erfahrungen zeigen, dass mit der Einführung eines QM-Systems die Arbeit in den Kindertageseinrichtungen für Träger, Mitarbeiterinnen und Eltern noch verbindlicher wird, und damit auch eine ständige Verbesserung und Sicherung der Qualität.“ Dabei lenkt die Fachfrau des Caritasverbands den Blick auch auf die Transparenz von Leistungen; Mütter und Väter würden ja an allen Prozessen beteiligt, die ihre Kinder betreffen: „Ihre Meinungen werden in die Entscheidungsfindung der Einrichtungen einbezogen. Auf diese Weise gestalten Eltern die Arbeit der Kitas mit.“ Beschwerden werden jetzt schriftlich festgehalten, die pädagogische Planung sei verbessert worden - es könne nun strukturierter gearbeitet werden, stellt die Leiterin eines katholischen Kindergartens in der Region fest.

TÜV-System stößt auf offene Türen

Ralf Stammberger, Kita-Verantwortlicher im Bistum Limburg, hebt auch das Thema „Wertevermittlung“ hervor: „Das Gütesiegel enthält neben Qualitätsbereichen, die allgemeiner Natur sind, mit den Bereichen ‚Glauben’ und ‚Pfarrgemeinde’ Inhalte, die fürs Profil katholischer Einrichtungen spezifisch sind und die Eltern, die Kinder in unsere Einrichtungen schicken, zu Recht erwarten dürfen.“ So soll die religiöse Erziehung der Kinder in das Leben der Kita einfließen.

Anstrengungen der Landesregierung für ein „TÜV-System“ stoßen bei den Kirchen-Verantwortlichen auf offene Türen. „Dass das Land seinerseits die Qualität der Arbeit in den Kindertageseinrichtungen in den Blick nimmt, begrüßen wir“, lobt Stammberger. „Wir gehen dabei davon aus, dass unser Qualitätssystem mit den Anforderungen des Landes Hessen kompatibel sein wird. In Rheinland-Pfalz sind wir zu diesem Thema bereits in Gesprächen mit der Landesregierung und anderen freien Trägern“, ergänzt der Bistumssprecher.

Dauer-Stress kann gesundheitliche Folgen haben

Schulterklopfen bei Experten, die mit „TÜV“-Plakette und Siegel den Wettbewerb unter den Kitas stärken wollen - gemischte Gefühle bei vielen Mitarbeitern in den Kitas: Kirsten Frank von der Gewerkschaft ver.di spricht das aus, was Erziehrinnen berichten: Sie begrüßt Projekte zur Qualitätsverbesserung, zugleich äußert sie aber Zweifel, ob die „großen Ziele und Veränderungen“ tatsächlich zu erreichen sind. „Es gibt immer neue Aufgaben für die Mitarbeiter, aber an der Personal-Misere hat sich nichts verändert“, kritisiert die Gewerkschaftsfrau und berichtet vom wachsenden Druck auf die Mitarbeiter. Weiterhin fehle eine Arbeitsplatz-Beschreibung und eine Arbeitszeit-Bemessung fürs Personal der Kindertagesstätten. Auch der „Bereich Führungsaufgaben“ sei ungeklärt.

Die große Erwartungshaltung gegenüber Kitas hinterlässt inzwischen in vielen Einrichtungen deutliche „Spuren“. Hinter vorgehaltener Hand heißt es: Bei Qualitätskonferenzen, Fortbildungsangeboten, Arbeitsgemeinschaften, Kinder-Beobachtungsprotokollen, Personalgesprächen, beim Ausfüllen von Evaluierungsbögen mit anschließendem Qualitätsprüfungsmarathon verdienen manche Mitarbeiterinnen sicher schon allein dafür ein besonderes Gütesiegel, dass sie überhaupt noch Zeit für die pädagogische Betreuung der Kinder finden. Dass der Dauer-Stress gesundheitliche Folgen haben kann, macht eine Studie der Bertelsmann-Stiftung deutlich: Mit erhöhten Ausfallzeiten durch Krankheit sei zu rechnen, warnen die Forscher. Schlechte Vorzeichen für das Projekt „Kitas wollen besser werden“.

Quelle: op-online.de

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