Klangmaterial in irrsinniger Dichte

Roland Böer dirigiert Mahlers Fünfte in Capitol Classic Lounge

Offenbach - Dirigent Roland Böer begleitet die Konzertreihe Capitol Classic Lounge seit ihren Anfängen. Mittlerweile ist der in Offenbach lebende Musiker auch an großen Häusern wie der Mailänder Scala oder der Wiener Volksoper gefragt. Von Stefan Michalzik 

Mahlers fünfte Sinfonie in cis-Moll ist eine raffinierte Wahl für die beiden Konzerte der Neuen Philharmonie Frankfurt zum zehnjährigen Bestehen ihrer beiden Klassikreihen in Offenbach und Hanau. Dem Anlass gemäß sprengt das 1904 aufgeführte Stück ob seiner Besetzung mit 75 Musikern den üblichen Rahmen des privatwirtschaftlich organisierten Orchesters, normalerweise ist es 55 bis 60 Köpfe stark. Der Umstand, dass das Adagietto durch seinen Einsatz in dem Film „Tod in Venedig“ von Luchino Visconti aus dem Jahre 1971 zu ewigem Ruhm auch bei einem der Klassik eher abholden Publikum gelangt ist, kommt einem Orchester, das vorwiegend für ein Publikum jenseits des klassischen Konzertsaals spielt, natürlich zupass.

Mit der 1904 uraufgeführten Fünften hat Mahler erstmals wieder eine Sinfonie ohne formuliertes Programm, also ohne die Beigabe einer inhaltlichen Erläuterung und ohne Gesang komponiert. Gleichwohl, sagt der Dirigent Roland Böer, habe man das Gefühl, dass Mahler in Personen und dramatischen Vorgängen gedacht hat. Böer verweist auf ein für Mahler typisches Liedmaterial und eine in der Volksmusik gründenden „Sextenseligkeit“. Auf dem Wege der Abspaltung und der ständigen Variation habe Mahler das Material in eine derart irrsinnige Dichte getrieben, dass er eigenem Bekenntnis nach an die Grenzen seiner - nicht zuletzt ob seiner Erfahrung als Dirigent immens entwickelten - Instrumentationskunst geraten sei. Trotz der Dichte bleibe die „sinfonische Monumentalarchitektur“ immer durchhörbar. Bis 2008 ist der gebürtige Bad Homburger Roland Böer sechs Jahre lang Kapellmeister an der Frankfurter Oper gewesen, nun dirigiert der 44-Jährige an Opernhäusern und bei Orchestern von erstem Rang wie der Mailänder Scala und dem London Symphony Orchestra. Zurückgehend schon auf die Aufbauphase Anfang der nuller Jahre gastierte er immer wieder bei der Neuen Philharmonie Frankfurt.

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Früh habe er „ein unglaubliches künstlerisches Potenzial“ erkannt. Aber auch eine Gefahr gesehen. Der Schwerpunkt des Orchesters liegt auf dem Crossover, viel geht es mit Popstars auf Reisen. Da spielt es mit elektronischer Verstärkung, bei den Streichern wird der Ton mit Pick-up-Mikrofonen abgenommen. Vor allem aber werde mit einem Klick im Ohr gespielt, den Takt gibt also das Metronom vor. Dem Dirigenten komme da praktisch nur noch die Rolle einer kosmetischen Staffage zu, weil nach Gewohnheit des Publikums ein Mann am Pult nun einmal dazugehört. Viele Feinheiten drohten abzustumpfen, besonders der kammermusikalische Geist eines Orchesters. Da brauche es einen klassischen Gegenpart. Darum, sagt Böer, habe es ihn gefreut, als er vor zehn Jahren von der Einrichtung der Klassikreihen gehört habe. Böer lebt mit seiner Familie seit acht Jahren im Offenbacher Mathildenviertel. Offenbach ist die erschwingliche Alternative zu Frankfurt gewesen. Die auf das Jahr 1875 zurückgehende Stadtvilla mit Garten habe man sich zu einer Idylle hergerichtet. Böer äußert sich jedoch unzufrieden über eine Stadtplanung, die ungeachtet des bestehenden Ensembleschutzes eine Umzinglung mit hohen Bauten zulasse. Zwei Weltkriege habe das Haus überstanden und auch eine Absenkung des Grundwasserspiegels in den achtziger Jahren. Aufgrund der regen Bautätigkeit rundum seien nun aber Risse im Mauerwerk aufgetreten, Putz bröckle von der Decke, Fenster und Türen gingen nicht mehr auf. Die Familie erwägt nun einen Wegzug aus der Stadt, womöglich verbunden mit einer Festanstellung an einem Opernhaus. Böer gibt an, in Gesprächen zu sein, einen Namen will er natürlich noch nicht nennen.

Quelle: op-online.de

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