Kleidung und Rhetorik sitzen schon perfekt

Frankfurt ‐ Hessens Grünen-Chef Tarek Al-Wazir ist als Gast des Europäischen Jugendparlaments underdressed. „Ich bin wohl der einzige hier ohne Krawatte“, staunt Al-Wazir beim Blick in die Runde der herausgeputzten 220 Jugendlichen, die in Frankfurt am Montag ihre Sitzung beginnen. Von Inga Radel

Die jungen Leute nehmen die Sache ernst, wenn sie in dieser Woche über Themen wie Klimapolitik, Globalisierung und die europäische Flüchtlingspolitik debattieren. Wie Polit-Profis sehen sie bereits aus, und die Rhetorik sitzt auch perfekt: Mancher Politiker dürfte neidisch werden, wenn er sie in fließendem Englisch über das „Brücken bauen“ in der Europäischen Union (EU) philosophieren hört.

Ist die Jugend also doch nicht so politikverdrossen? „Ich glaube nicht, dass wir hier die Repräsentanten aller Jugendlichen sehen“, meint Al-Wazir. Es hat den Anschein, dass es sich um privilegierte junge Leute handelt, die sich aus 32 Ländern in der Main-Metropole eingefunden haben. Die Reisen zum Europäischen Jugendparlament (EJP), das aus den nationalen Komitees gebildet wird und dreimal im Jahr tagt, müssen sie selbst tragen, oder Sponsoren wie Banken finden.

Abschluss in der Paulskirche

Hat das 1987 in Frankreich gegründete EJP, das in Frankfurt zum 64. Mal zusammengekommen ist, denn irgendeinen politischen Einfluss? „Wir werden von Entscheidern gehört, das ist wichtig“, sagt Parlamentspräsidentin Krista Simberg aus Finnland. Am Montag dürfen die Jung-Parlamentarier mit 20 Experten aus Wirtschaft, Politik und von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) diskutieren.

Während seine Mit-Delegierte im schwarzen Party-Mini angereist ist, trägt Douglas Newlands aus England zur Eröffnung der Sitzung des „Europäischen Jugendparlaments“ einen Schottenrock.

Dazu zählen Al-Wazir als Energiepolitik-Experte und Norbert Kloppenburg von der KfW-Bankengruppe. Ansonsten ist es das Ziel der 16- und 20-Jährigen, Resolutionen zu erarbeiten. Diese werden zum Abschluss am Freitag und Samstag in der Paulskirche bei einer „Generalversammlung“ vorgestellt. Dann wird der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, erwartet. „Wenn man sich so unsere Resolutionen aus den 90er Jahren anguckt, sieht man, dass heute viel davon umgesetzt wurde“, sagt die 25 Jahre alte Politikstudentin Simberg. Das Besondere an der Arbeit sei, dass die Resolutionen in Gruppen mit je 15 Vertretern aus 15 verschiedenen Nationen entwickelt werden. „Wenn Sie jemanden aus Georgien, Norwegen und Zypern in einer Gruppe haben, haben Sie völlig verschiedene Ansätze. Der Prozess, trotzdem zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, ist das Spannende.“

Freundschaften schließen und Networking

Frank Spengler von der Konrad-Adenauer-Stiftung, die die Experten-Runde finanziert hat, hebt hervor, dass das EJP als integrative Kraft benötigt werde: „Gerade in diesen Zeiten, in denen die Unterstützung der EU-Bürger für die europäischen Institutionen schwindet.“

Mehr Infos zum EJP auf der offiziellen Internetseite.

Auch Al-Wazir findet die Idee klasse, spricht dem Jugendparlament aber einen politischen Einfluss ab: „Das ist nichts, was am Ende Politik verändert“, meint der Grünen-Politiker. „Das ist vor allem eine Chance für junge Leute, andere junge Leute aus anderen Ländern zu treffen, zu diskutieren und zu merken, wie groß die Welt ist.“

Der Sprecher des Europäischen Jugendparlaments in Deutschland, Lorenz Stree (18), betont, dass es vielen Teilnehmern neben der Politik auch ums Freundschaften schließen und „Networking“ gehe. „Der Gedanke ist natürlich verlockend, dass man in jedem europäischen Land jemanden kennt und theoretisch überall Übernachtungsgelegenheiten hat.“

dpa

Quelle: op-online.de

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