Kleine Flucht in die Welt der Noten

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Eineinhalb Stunden jede Woche üben die Häftlinge mit ihren Instrumenten und ihrer Stimme.

Hünfeld - Die Band hat keinen Namen. Weil die Besetzung recht schnell wechselt. Mal wird eines der Mitglieder in die Freiheit entlassen oder verlegt. Mal kommt ein neues Mitglied hinter Gitter und damit hinzu. So ist das halt in Hünfeld. Von Jörn Perske

In dem Gefängnis in Osthessen spielt Hessens einzige Knastband. Rock, Pop und Klassiker - für ein bisschen Zerstreuung im tristen Alltag.

Einmal in der Woche öffnen sich extra für die Musiker die Zellentüren. Für 90 Minuten können die Häftlinge dann ganz in die Welt von Songs, Takten und Noten abtauchen. „Man sitzt eine Woche auf dem Trockenen und wartet, bis man wieder spielen darf“, erklärt der inhaftierte Jochen (Name auf Wunsch geändert). Das E-Piano würde er am liebsten mit in seine Zelle nehmen. Doch das ist natürlich verboten.

Jochen (50) sagt, er sei Berufsmusiker und wegen eines Waffendelikts in Haft. Die Bandtreffen sind für ihn „eine willkommene Abwechslung“. Die sechs übrigen Männer sind eher wortkarg und beschäftigen sich lieber mit ihren Instrumenten. Eigentlich sind es sogar zwei Bands, die in zwei Siebener-Gruppen aufgeteilt sind.

In der Justizvollzugsanstalt, der ersten teilprivatisierten in Deutschland, sitzen 460 Gefangene. Die meisten sind kleine Fische und keine Schwerverbrecher. Viele haben Drogendelikte oder Betrügereien auf dem Kerbholz. Die durchschnittliche Haftdauer beträgt zehn Monate, wie Gefängnisleiter Philipp Gescher (42) erklärt.

Teamfähigkeit durch gemeinsames Musizieren

Als der ehemalige Richter im Mai offiziell ins Amt eingeführt wurde, hatte die Band ohne Namen ihren ersten Auftritt. Die Musikgruppe bezeichnet er als ein „schönes Projekt“. „Das schult die Teamfähigkeit.“ Die Häftlinge lernten auf Anweisungen zu hören.

Die Anweisungen bei den Proben gibt Bodo Michelsons. Der freiberufliche Musiker aus Fulda hält eigentlich Kurse an der Volkshochschule oder in sozialen Einrichtungen ab. Seine Neugier aber habe ihn animiert, die Aufgabe hinter Gittern anzunehmen. Der 54-Jährige glaubt an die Kraft der Rhythmen: „Musik ist ein machtvolles Medium. Sie kann viel bewirken und Menschen verändern.“

Unter seiner Regie wirken die Musiker konzentriert und diszipliniert. Sie spielen bei den Proben vor allem bekannte Ohrwürmer nach. „Stand by me“ (Ben E. King), „Let it be“ (Beatles), „Cocaine“ (J. J. Cale) und natürlich auch - unvermeidlich - „Dieser Weg“ (Xavier Naidoo). Michelsons coacht seine Jungs mit vollem Körpereinsatz und fordert: „Mit ein bisschen mehr Dynamik arbeiten.“

Häftling Jochen ist recht zufrieden mit den Proben: „Das Niveau ist erstaunlich gut. Obwohl wenige richtig nach Noten spielen können. Einige haben aber auch Band-Erfahrung. Das macht die Konfliktlösung einfacher. Bei Meinungsverschiedenheiten geht man hier auch besser miteinander um als sonst im Knast.“ Gefängnisseelsorger Andreas Leipold freut’s: „Sie lernen hier aufeinander zu hören.“ Das hessische Justizministerium beurteilt die Hünfelder Initiative positiv. Sprecher Hans Liedel sagt: „Wer gemeinsam musiziert, ist freundlich zueinander.“ Die Bandproben seien auch „eine geistige Herausforderung und ein Gruppenerlebnis“. Auch das Bundesjustizministerium in Berlin findet das Projekt klasse. So meint Sprecherin Mareke Aden: „Alles, was dem Ziel dient, die Häftlinge wieder in die Gesellschaft einzugliedern, ist gut.“

Quelle: op-online.de

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