Hotel- und Gaststättenbetriebe kämpfen

Bürokratie am Zapfhahn

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Offenbach/Mühlheim - Auf den ersten Blick läuft es gut für die Hotel- und Gaststättenbetriebe in Hessen: In den vergangenen sechs Jahren sind im Gastgewerbe 10. 500 Beschäftigte hinzugekommen. Von Sonja Achenbach

„Das ist ein Plus von 16 Prozent“, sagt Sebastian Maier, Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Hessen (Dehoga). Die Einschränkung schickt er allerdings gleich hinterher: „Das konzentriert sich auf Ballungszentren und Spezialgastronomien.“ Im ländlichen Raum dagegen kämpften mehr und mehr Betriebe um die wirtschaftliche Existenz. „Immer häufiger haben die Gaststättenbetreiber auf dem Land Probleme, einen Nachfolger zu finden. Ihre Kinder gehen mit einer guten gastronomischen Ausbildung in die Stadt“, sagt Pressesprecher Maier. Er sieht darin einen Trend bestätigt: Traditionelle Gasthöfe und Hotels sind besonders von der Krise betroffen, besser dagegen läuft’s bei Restaurantketten und in der sogenannten Erlebnisgastronomie.

Aktuell seien 1 800 solcher „Klassiker“ im Kreis Offenbach Mitglied im Dehoga. Rund 800 von ihnen werden nach Verbandsmeinung in den nächsten Jahren aus Kostengründen aufgeben; im Kreis Offenbach waren es in den vergangenen Jahren 24 Dehoga-Mitglieder. In ganz Hessen existieren nur noch rund 1800 Gasthäuser, Dorfgaststätten und Kneipen, wie Dehoga berichtet. Im Jahr 2002 seien es noch knapp 3000 Betriebe gewesen.

Trend hält an

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Und der Trend hält an: „Der bürokratische Aufwand ist für ein kleines Unternehmen kaum noch zu stemmen“, sagt Maier und nennt den Hauptgrund für die Geschäftsaufgaben. Hinzu kommen Fixkosten, die für einen Betrieb auf gleicher Höhe sind – egal ob 20, oder 120 Betten. „Nachtportier, Auflagen zum Brandschutz, all dass muss auch bezahlt werden. Ein Hotel lohnt sich einfach erst ab 100 Betten“, lautet das nüchterne Fazit von Siegried Kinnel, Inhaber des Hotel-Café Kinnel in Mühlheim. Liegt ein kleiner, klassischer Betrieb dann noch in einem strukturschwachen Gebiet, bekomme er die Auswirkungen des demografischen Wandels zu spüren. „Es sind einfach immer weniger Leute da, die ein Bierchen trinken gehen“, sagt Dehoga-Sprecher Maier.

Um den Dorfgasthäusern zu helfen, startet der Dehoga mit dem Hessischen Städte- und Gemeindebund und dem Hessischen Tourismusverband eine Beratungskampagne unter dem Titel „Gasthaus trifft Rathaus“. Damit soll der Dialog zwischen Kommunalpolitikern und Gastronomen angeschoben werden. Am vergangenen Montag begann die Jahrestour der Dehoga in Gelnhausen. „Der Trend geht zu Nischengastronomie und regionalen Produkten – alles, was mit Heimat verbunden wird“, sagt Pressesprecher Maier. Unter Nischengastronomie wird auch die Erlebnisgastronomie gefasst, bei der die Gäste durch Zusatzaktionen unterhalten werden sollen. Von den Problemen eines kleinen Betriebes ist auch das Hotel-Café Kinnel betroffen. Die Brüder Siegfried und Markus Kinnel leiten 20 Mitarbeiter. Für den Familienbetrieb gibt es keinen Nachfolger. „Unsere Kinder haben andere Berufe ergriffen. Ich hätte ihnen eine Karriere in dem Gewerbe aber auch nicht empfohlen“, sagt Siegfried Kinnel. Wenn die beiden in den Ruhestand gehen, werden sie den Betrieb und das dazu gehörige Gelände verkaufen. „Ich gehe davon aus, dass ein Käufer weder das Hotel, noch das Café weiterführen wird.“ Und das obwohl das Hotel-Café in Mühlheim in einer „Filetlage gelegen ist“, so Siegfried Kinnel.

Auch der eingeführte Mindestlohn von 8,50 Euro bringt den Betrieben vor allem Bürokratie. „Schon jetzt liegt der tarifliche Einstiegslohn mit 9,64 Euro darüber“, sagt Maier. Markus Kinnel berichtet: „Bei uns muss jetzt jeder Mitarbeiter genau Buch über seine Arbeitszeiten führen. Vorher lief das mündlich auf Vertrauensbasis ab.“ Das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und -geber könne noch so gut sein, der Zoll könne bei einer Prüfung immer einen Keil dazwischen treiben. Aktuell arbeiten die Betriebe an der Kennzeichnungspflicht für potenziell allergene Stoffe. Dem Gast müsse dann entweder deutlich gemacht werden, dass er sich mit Fragen jederzeit an das Bedienungspersonal wenden kann, oder die entsprechenden Stoffe müssten auf der Speisekarte deutlich gekennzeichnet sein. Das hemmt die Kreativität am Topf. „Ein Koch muss jedes Gericht genau dokumentieren, da erfindet niemand einfach mal so ein neues Menü“, sagt Maier.

Quelle: op-online.de

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