Der kleine Unterschied

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Schlaue Mädchen, dumme Jungs? Das könnte meinen, wer die Statistiken liest. Von hundert Schülern wechseln im Schnitt mehr als 60 Mädchen von der Realschule auf das Gymnasium oder von der Haupt- auf die Realschule.

Region - (psh/ AP ) Schlaue Mädchen, dumme Jungs? Das könnte meinen, wer die Statistiken liest. Von hundert Schülern wechseln im Schnitt mehr als 60 Mädchen von der Realschule auf das Gymnasium oder von der Haupt- auf die Realschule.

Genauso ist das Verhältnis der Abiturientinnen zu den Abiturienten eines Jahrgangs. Auch die Schulabbrecher sind zu zwei Dritteln männlich. „Jungen zählen heute weitaus häufiger zu den Bildungsverlierern und Schulverweigerern“, sagen Schulexperten. Zuletzt warnte der „Aktionsrat Bildung“, in dem viele angesehene Bildungsforscher vertreten sind, im März , dass Jungen in Kindergarten und Schule massiv benachteiligt werden.

Auf der Suche nach den Ursachen für das geschlechtsspezifische Schulversagen und den unterschiedlichen Stärken wurde auch immer wieder gefragt: Typisch Junge, typisch Mädchen – oder alles eine Frage der anerzogenen Stereotype? Mit einer neuen Studie belegt die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) jetzt einmal mehr, dass die Leistungen von Jungen und Mädchen in der Schule unterschiedlich sind. Die Differenzen verstärken sich demnach in der weiteren Schullaufbahn. Erklären lasse sich die Leistungslücke jedoch nicht mit unterschiedlichen Begabungen, schreiben die Autoren der Studie. Vielmehr sei die Schuld bei gängigen Mann-Frau-Klischees und Vorurteilen zu suchen.

Dass diese Unterschiede eher auf Stereotype als auf unterschiedliche Begabung zurückzuführen sind, legen die Ergebnisse aus dem Bereich „Problemlösung“ nahe: Hier schneiden 15-jährige Mädchen ähnlich gut ab wie ihre männlichen Altersgenossen, während sie beim Lösen mathematischer Probleme hinter den Jungen zurückliegen. Die Studie schreibt diesen Unterschied dem Kontext zu, in dem mathematische Probleme in der Schule präsentiert werden, aber auch den Zweifeln der Mädchen an ihren mathematischen Fähigkeiten. „Viele Länder können mit Recht stolz darauf zu sein, dass Jungen und Mädchen in den schulischen Kernfächern die gleiche Leistungen erbringen“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurria. „Wir dürfen aber nicht akzeptieren, dass Vorurteile wie ,Lesen ist nichts für Jungen' oder ,Mathe ist nichts für Mädchen' weiterbestehen. Solche Ansichten führen dazu, dass unseren Gesellschaften wichtiges Bildungspotential verloren geht.“

Der Bericht zeigt auch, dass Lehrkräfte deutlich mehr für die Gleichberechtigung der Geschlechter tun können. Sie brauchen dazu aber auch die Unterstützung aus der Gesellschaft. Lehrer müssten sich der Erwartungen, die sie gegenüber ihren Schülern haben, bewusst werden, fordern die Autoren der Studie. „Sie müssen Strategien entwickeln, um das Selbstbewusstsein und die Motivation der Schülerinnen und Schüler in ihren schwachen Fächern zu stärken.“

An vielen Schulen in Hessen hat man längst reagiert. Hans Joachim Bezler, Leiter der Hohen Landesschule in Hanau , verweist vor allem auf Förderkonzepte, um den Leistungsunterschieden bei Mädchen und Jungen entgegen zu steuern. So gebe es an seiner Schule spezielle Förderprogramme zur Steigerung der Lesekompetenz (unter anderem intere Wettbewerbe). Bei den Naturwissenschaften stelle man Experimentelles in den Vordergrund, um Mädchen verstärkt für Schulfächer wie Physik oder Chemie zu begeistern. „Und damit sind wir erfolgreich, es liegen jetzt in den 5. und 6. Klassen mehr Anmeldungen von Mädchen vor“, berichtet Bezler. Auch im Informatikbereich gibt es an der Hohen Landesschule inzwischen spezielle Angebote für Mädchen.

Knud Dittmann, Vorsitzender des hessischen Philologenverbandes und Leiter der Ricarda-Huch-Schule in Dreieich , stellt auf Anfrage unserer Zeitung fest, „dass sich in den vergangenen Jahren bei der speziellen Förderungen von Mädchen und Jungen einiges getan hat“. In vielen Fällen seien es aber einzelne Lehrkräfte, „die sich in diesen Bereichen besonders engagieren“. Es gehe vor allem darum, die „Begabungsreserven auszuschöpfen“.

Bildungsminsterin Annette Schavan sagte laut „Spiegel online“, Geschlechterklischees müssten überwunden werden, „weil sie Kinder und Jugendliche in ihrer Entfaltungsmöglichkeit behindern“. Das sei aber nicht nur Aufgabe der Schulen, sondern müsse auch in Familien und der Gesellschaft geschehen. In Deutschland trifft diese Botschaft auf offene Ohren. Seit Jahren schon bemüht sich die Politik im Schulterschluss mit der Wirtschaft und Verbänden, zum Beispiel Schulabgängerinnen für klassische Männerberufe zu interessieren. Bisher allerdings mit nur sehr mäßigem Erfolg. Das wurde auch beim jüngsten „Girl‘s Day“ deutlich, bei dem sich Mädchen über die Jobchancen jenseits von beliebten Frauenberufen wie Friseurin, Ärztin oder Erzieherin informieren. Doch bislang ist der Run der Mädchen auf Männerbastionen wie etwa den Ingenieur- oder das EDV-Studien ausgeblieben.

Quelle: op-online.de

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