Die kleinen Leute und ihre Lust

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Ein Keuschheitsgürtel aus Eisenblech aus dem 17/18. Jahrhundert. Die Gürtel dienten weniger der Überwachung, sondern eher als Schutz vor Vergewaltigung und Sexualspielzeug.

Lorsch/Frankfurt - Die erotischen Ausschweifungen der kleinen Leute sind das Thema einer neuen Ausstellung im südhessischen Lorsch. Von Miriam Bandar (dpa)

Unter dem Titel „Liebe, Lust und Frust“ sind in der Außenstelle des hessischen Landesmuseums bis Ende August rund 200 Exponate aus den vergangenen sechs Jahrhunderten zu sehen.

Sie sollen nach den Vorstellungen der Organisatoren die Erotik und Sexualität aus einem kulturhistorisch-volkskundlichen Blickwinkel beleuchten.

Von Keuschheitsgürteln über Soldaten-Pornohefte aus dem Spätbiedermeier bis zur modernen Schoko-Osterhäsin im Bikini-Bunny-Outfit reicht die Bandbreite der Ausstellungsobjekte. Der Fokus richte sich auf das Leben und Lieben der einfachen Leute. Aber nicht nur die Lust wollen die Ausstellungsmacher mit Buntem und Erheiterndem ansprechen, sondern sie haben auch dem Frust einen Platz in der Schau eingeräumt. Dort geht es um Themen wie arrangierte Eheschließungen, unerfüllte Liebe und Sexsucht. Einen volkskundlichen Schwerpunkt bilden die Bräuche um Eheanbahnung und Hochzeit.

„Wir wollten ja keine Sexausstellung machen, sondern zeigen, wie sich der Umgang mit dem Thema über die Jahrhunderte gewandelt hat“, sagte der Kurator Walter Stolle. Die Schau stehe in der Tradition früherer Ausstellungen im Landesmuseum zu Tabu-Themen wie Tod und Menstruation.

Das Schnapsgefäß aus Ostasien in Form eines Frosches kann den Rausch auf zweierlei Weise fördern.

Auf Flohmärkten und in Trödelgeschäften hat der Ausstellungsmacher selbst nach Exponaten gesucht, andere kamen als Leihgaben aus anderen Museen. Für besonders pikante Stücke hat die Schau ein eigenes Séparée eingerichtet, das nur Erwachsenen zugänglich ist.

Neben einigem Erotik-Nippes wie einer liegenden Nackten, deren Brüste als Salz- und Pfefferstreuer abnehmbar sind, gibt es in der Ausstellung auch Historisches. Aus dem Jahre 1762 stammt der älteste Brautstuhl Hessens, den die Frau als Mitgift in das fremde Haus des Gatten mitnahm. Eines der ältesten Exponate ist nach Angaben Stolles eine Flasche in Phallusform aus dem 16. Jahrhundert. Die gezeigten Keuschheitsgürtel aus dem 16. und 17. Jahrhundert dienten nach Angaben des Kurators entgegen der landläufigen Meinung nicht der sexuellen Enthaltsamkeit der Frauen während langer Abwesenheit ihrer Männer. Sie seien vielmehr eine Art Sex-Spielzeug gewesen oder wurden von Frauen auf langen Reisen genutzt, um sich vor Vergewaltigungen zu schützen.

Den hessischen Bezug schaffen Darstellungen regionaler Bräuche, die sich um Liebe und Erotik drehen. Ein Beispiel ist das osthessische „Leitern“, bei dem sich junge Männer am Fenster ihrer Liebsten in der Osterzeit ein bemaltes Ei abholen. Außerdem sind auch Dachziegel aus dem 19. Jahrhundert aus osthessischen Dörfern zu sehen, in die Motive wie eine stilisierte Vagina oder kopulierende Hühner eingeritzt sind. Nach Angaben des Kurators dienten diese Ziegel - nach Geheimabsprache mit dem Ziegler - der Erheiterung des Hausbesitzers, da nur er wusste, wo sich diese unschicklichen Motive auf seinem Dach befanden.

Zu der Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm wie Führungen für Schulklassen, Liebesbriefe-Workshops und Diskussionen. Am 18. März soll der Journalist und Sexualwissenschaftlers Oswald Kolle einen Vortrag halten.

Museumszentrum Lorsch, Nibelungenstraße 35. Die Ausstellung ist bis zum 30. August dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro.

Quelle: op-online.de

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