Der Klimawandel in unserer Region

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Wetterexperte Gerhard Müller-Westermeier hat viele Zahlen in seinem Rechner, sie erzählen uns etwas über unsere Zukunft.

Offenbach - Klar, vom Klimawandel hat man schon gehört. Es wird wärmer - auch in hiesigen Breiten. In den Bergen schmelzen die Gletscher, an den Polen die Eisberge. Südsee-Inseln versinken, Küstenstädte werden zum Teil unbewohnbar. Von Michael Eschenauer

In Deutschland hat uns dieses Frühjahr einen Eindruck verschafft, wie die ersten Monate eines Jahres in einem halben Jahrhundert aussehen könnten: 2,4 Grad wärmer als normale Frühjahre bisher und das zweitwärmste in den vergangenen 130 Jahren, in denen Wetterdaten aufgezeichnet wurden. Dafür sei es dann im Juli 1,2 Grad zu kalt gewesen, so Gerhard Müller-Westermaier.

Er ist einer jener Wissenschaftler, die beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach (DWD) den neuen Klimaatlas aufgebaut haben und weiterentwickeln (wir berichteten). Bis ins Jahr 1881 können Profi-Meteorologen und Hobby-Wetterfrösche die Aufzeichnungen zurückverfolgen. Das Faszinierende an dem neuen Online-Angebot ist, dass der Nutzer nicht nur mit globalen und deutschlandweiten Informationen versorgt wird, sondern die Klimadaten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für die eigene Region ablesen kann. Für unseren Lebensraum im Umkreis Offenbachs wird das, was uns sonst abstrakt als „globales Klima“ entgegentritt, plötzlich greifbar. 15 Kategorien bietet der Klimaatlas. Wir greifen uns im Folgenden für unsere Region die wichtigsten heraus. Vorsicht: Dies ist ein Text mit vielen Zahlen, aber sie spiegeln unsere Zukunft.

Wärmster Sommer aller Zeiten im Jahr 2003

Konzentrieren wir uns zunächst auf die langfristigen Trends bei Temperatur und Niederschlag. Bei beidem liefert der Klimaatlas die Durchschnittsdaten von 1881 bis heute und schaut auch in die Zukunft. Seit 1881 stieg die Jahres-Durchschnittstemperatur in Hessen bis heute von 7,6 auf 8,9 Grad Celsius. „Bis 1900 war dieser Wert relativ konstant, dann folgte eine leichte Aufwärtsbewegung bis 1940. Diese Steigerung erreichte eine erste Spitze im Jahr 1947 im bis dahin heißesten Sommer aller Zeiten“, so Müller-Westermeier. Es folgte eine leicht abnehmende Mitteltemperatur bis 1970. Seitdem geht es wieder zügig bergauf. 2003 war der wärmste Sommer aller Zeiten. „So warm ist es nur alle paar hundert oder alle 1000 Jahre. Aber so etwas werden wir Ende des Jahrhunderts hier alle 4 bis 5 Jahre haben“, sagt Müller-Westermeier. Die Sommer hätten seit 1996 eigentlich immer über dem Schnitt gelegen.

Die Durchschnittstemperatur in Hessen im Sommer stieg seit 1881 von 15,7 auf 16,9 Grad im Jahre 2010. Auch hier gab es Ausreißer: So zum Beispiel 1905 mit 17,5 Grad, 1911 mit 18 Grad, 1947 mit fast 19 Grad, 1959 mit 17,9 Grad, 1983 mit 17,4 Grad, 1994 mit 18,4 Grad und 2003 mit 19,9 Grad. Besonders kalt war es 1913 mit gerade mal 14,4 Grad Durchschnittstemperatur, oder 1956 mit 14,5 Grad.

Anstieg des Gesamtniederschlags

Der langfristige Trend beim Niederschlag in Hessen zeigt eine leicht positive Tendenz seit 1881 - vor allem im Winter. Die Grafik zeigt für Hessen einen Anstieg des Gesamtniederschlags von 700 Millimeter im Jahre 1881 auf 800 Millimeter im Jahre 2010. Im Sommer ging die Regenmenge seit 1881 leicht von 230 auf 210 Millimeter zurück. „Das ist aber kein echter Trend, das ist eher Zufall“, schwächt Müller-Westermeier diese Zahl ab. „Für unsere warme und eher trockene Gegend gehen wir übers Jahr gesehen von einer etwas feuchteren Gesamtsituation aus. Und es wird im Sommer häufiger extreme Wetterereignisse geben wie schwere Gewitter, Hagel, Sturm und Starkregen. Im Winter rechnen wir nicht mit mehr Stürmen. Die Frühlinge beginnen früher, die Sommer werden wärmer, der Herbst weicht später dem Winter. Insgesamt wird das Klima so wie etwa in Norditalien“, sagt der Wetterforscher.

Bei den jüngeren Daten und bei den Prognosen für den Bereich des Rhein-Main-Gebiets ergibt sich folgendes Bild. Temperatur: In den Jahren von 1961 bis 1990 betrug bei uns die Durchschnittstemperatur im Sommer 18 bis 20 Grad, im Winter minus 2 bis 0 Grad. Die meisten der vom DWD berücksichtigten Wettermodelle für die Zukunft gehen bis zum Jahr 2040 von einer Zunahme im Sommer um 1 bis 1,5 Grad, bis 2070 um bis zu 2,5 Grad und bis 2090 um bis zu drei Grad aus. „Das ist wie ein Umzug von Frankfurt nach Mailand“, so Müller-Westermeier. Extremere Prognosen sehen für die jeweiligen Zeithorizonte Zunahmen von zwei, 3,5 und 4,5 Grad. Das kann an einzelnen Tagen richtig ungemütlich werden.

Weniger Sommertage im Rhein-Main-Gebiet

Für den Winter sind die Trends identisch. Bis 2040 kann es um bis zu 1,5 Grad hochgehen bis 2090 um bis zu drei Grad. Extremmodelle gehen für 2090 von bis zu plus 4,5 Grad aus.

Bei der Jahresdurchschnittstemperatur insgesamt ergibt sich folgende Entwicklung: Während sie von 1961 bis 1990 bei 8 bis 10 Grad lag, wird sie bis 2040 um ein Grad, bis 2070 um bis zu 2,5 Grad und bis 2090 um 2 bis 2,5 Grad zulegen. Extremere Prognosen errechnen Steigerungen von bis zu 4 Grad bis 2090.

Sommertage: Das sind Tage, an denen wir 25 Grad erreichen. Die Periode von 1961 bis 1990 bescherte uns im Schnitt 40 bis 45 dieser Tage pro Jahr. Die Klimamodelle für 2040 sagen eine Zunahme um 3 bis 15 Tage voraus, je nachdem ob wir uns im Rhein-Main-Gebiet östlich (weniger Sommertage) oder eher westlich (mehr Sommertage) befinden. Bis 2070 geht diese Zahl um bis zu 21 hoch, bis 2090 könnte sie um bis zu 27 steigen. Extremere Klimamodelle weisen eine Steigerung um bis zu 45 Sommertage im Jahre 2090 aus.

Heiße Tage: Hier steigt die Temperatur auf bis zu 30 Grad an. Im Schnitt brachten die Jahre 1961 bis 1990 zehn dieser „Heißen Tage“. Bis 2040 wird es bis zu 6, bis 2070 bis zu 14 und bis 2090 bis zu 22 mehr davon geben. Extremprognosen gehen bereits für das Jahr 2070 von einer Zunahme um bis zu 22 heiße Tage in unserer Gegend aus. „Nicht unbedingt die Durchschnittswerte sind das Problem, sondern die Extremwerte, so wie im Sommer 2003 als die Hitze vielen meist alten Menschen in Europa das Leben kostete“, warnt Müller-Westermeier. „Es wird so sein, dass wir Olivenbäume in die Gärten pflanzen können. Vor Palmen würde ich abraten.“

Weniger Frosttage

Niederschlag: Von 1961 bis 1990 fielen in der Region im Schnitt pro Jahr 600 bis 700 Millimeter. Bis 2090 gibt es keinen klaren Trend. Für den Sommer weist die Tabelle für die Jahre 1961 bis 1990 zwischen 180 und 200 Millimeter Niederschlag aus. Für 2040 gibt es keinen Trend, erst 2090 könnte es bis zu 30 Prozent weniger regnen.

Die Winter in den Jahren zwischen 1961 und 1990 brachten uns im Schnitt 120 bis 140 Millimeter Regen, Schnee oder Graupel. Hier gehen die Prognostiker ab 2070 von einer Zunahme um bis zu 30 Prozent aus. Vorher tut sich kaum etwas.

Insgesamt geht Müller-Westermeier davon aus, dass zwar im Sommer etwas weniger, dafür im Winter aber mehr Niederschlag fällt, so das die Gesamtmenge etwa gleich bleibt.

Eistage, das sind Tage, an denen das Thermometer niemals über den Gefrierpunkt steigt, gab es von 1961 bis 1990 zehn bis 20. Bis 2040 werden es zwischen 3 und 9 weniger sein. Für das südliche Analysegebiet liegen die Prognosen bis 2090 bei minus 9 bis minus 15, für das nördliche bei minus 15 bis minus 21 Tagen.

Frosttage: Hiervon spricht der Meteorologe, wenn die tiefste Temperatur des Tages unter Null Grad liegt. Zwischen 1961 uns 1990 gab es im Schnitt 60 bis 70 davon. Bis 2040 gehen die Klimaprognostiker davon aus, dass ihre Zahl um bis zu 20 sinkt. Bis 2070 könnten sie um 36, bis 2090 um bis zu 44 Tage zurückgehen.

Vegetationsbeginn: Zwischen 1961 bis 1990 begann die Vegetationszeit, also jene Zeit des Jahres, in der die Pflanzen wachsen, zwischen dem 85. und dem 90 Tag, also zwischen dem 26. und 31. März. Bis 2040 werden die Pflanzen im Schnitt bereits am 20. März, bis 2090 ab dem 11. März knospen. Nicht vernachlässigt werden darf, dass auch das Ende der Vegetationsperiode später im Jahr liegen wird.

Quelle: op-online.de

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