Klinikärzte gegen Hessens Organspende-Plan

Offenbach (psh) Stefan Grüttner, der hessische Sozialminister, will sich heute und morgen  bei der Konferenz der zuständigen Ressortchefs von Bund und Ländern für eine „erweiterte Widerspruchslösung“ bei der Organspende stark machen.

Derzeit kommt als Organspender nur infrage, wer zu Lebzeiten zugestimmt hat (Zustimmungslösung). Die Hessen-Initiative sieht vor, dass jeder nach dem Hirntod zum Organspender werden kann, der das zuvor nicht ausgeschlossen hat (Widerspruchslösung).

Wir fragten bei Klinikärzten im Rhein-Main-Gebiet nach. Welchen Weg würden sie denn für die Zukunft bevorzugen?

Privatdozent Dr. Stephan Sahm, Chefarzt am Ketteler-Krankenhaus in Offenbach: „Die Initiative, dass Gesetz zur Organtransplantation zu ändern, kommt zur Unzeit. Der Ballon könnte anders steigen, als die Initiatoren beabsichtigen. Ich rate daher zur Vorsicht. Denn während die Politik Ideen entwickelt, wie die Zahl der Spender erhöht werden kann, ergeben sich immer mehr Zweifel am Hirntod. Erst kürzlich hat eine amerikanische Ethikkommission festgestellt, dass die ursprüngliche Definition offensichtlich falsch war. Sie hat dann versucht im Auftrag des US-Präsidenten, den Hirntod als Kriterium für die Transplantationsmedizin noch zu retten. Daran werden aber nicht wenige Zweifel geäußert. Bevor man das Transplantationsgesetz ändert, sollte die Gesellschaft diskutieren, ob der Hirntod weiter als Kriterium anerkannt werden kann. Längst wird in den einschlägigen Kreisen dieses Problem heftig diskutiert, was man unter anderem in Tageszeitungen bereits nachlesen kann. Wir säen bei den Menschen nur Misstrauen, wenn wir diese Einwände nicht ernst nehmen. Die Widerspruchslösung mutet den Menschen eine Zustimmung zu einem Eingriff zu, in den sie vielleicht nicht einwilligen würden, wenn sie von den erwähnten Problemen Kenntnis hätten. Daher ist das bisher gültige Konzept der Zustimmungslösung tragfähig.“

Dr. André Michel, Ärztlicher Direktor am Klinikum Hanau, erklärte auf Anfrage: „Mit Feststellung des Hirntodes eines möglichen Organspenders steht der Arzt vor der Situation, den Angehörigen einerseits den Tod eines geliebten Menschen zu vermitteln; gleichzeitig muss er sich um die Organspende für einen anderen Patienten bemühen und Angehörigen die Bitte zur Organentnahme vermitteln. Häufig sind die Angehörigen in dieser Situation emotional überfordert und lehnen aus der unbegründeten Sorge, dass nicht mehr alles für ihren geliebten Menschen getan wird, ab - insbesondere, wenn man sich in der Familie nie über die Einstellung zur Organspende unterhalten hat.

Die Widerspruchslösung löst das Dilemma nicht. Länder wie u.a. Spanien, die europaweit einen vorbildlichen Umgang mit der Organspende in allen Bevölkerungsschichten haben, kommen ohne eine Widerspruchslösung aus. Dort wird massiv auf Aufklärung und Betreuung der Angehörigen gesetzt. In Deutschland sind diese Strukturen zwar im Aufbau, verlieren aber ihren Effekt, weil sie nicht richtig gelebt werden. Viele Kliniken haben zwar ärztliche Transplantationsbeauftragte, die sich um die trauergerechte Information und Beratung der Angehörigen und Patienten kümmern sollten; häufig steht aber im Klinikalltag überhaupt keine Zeit zur Verfügung, dies neben der Patientenbehandlung professionell und zeitgerecht durchführen zu können. Wir brauchen deshalb keine neue Regelung, sondern eine konsequente Umsetzung und Finanzierung der bestehenden Maßnahmen. Wichtig ist zudem, dass man sich im Rahmen der Familie mit den Thema der Organspende auseinandersetzt ... Eine Widerspruchslösung fördert gegebenenfalls nur weiteres Misstrauen gegen die Organspende - und das können wir uns in Zeiten des massiven Organmangels nun wirklich nicht leisten.“

Quelle: op-online.de

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