„Knutschis“ Kraft und Gelassenheit

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Ohne Angst und ohne Aggressivität - gestatten, „Knutschi“.

Frankfurt/ Kassel - Für Stefanie Heinemann hatte die Begegnung etwas Ehrfürchtiges: „Er hat solch eine Ruhe ausgestrahlt, solch eine Gelassenheit. Ganz kraftvoll und trotzdem völlig friedlich“, sagt die 42-Jährige über das Treffen in einem Wald bei Witzenhausen. Von Chris Melzer (dpa)

Die Rede ist aber nicht vom Dalai Lama oder dem Heiligen Vater, sondern von einem Tier: Der „Knutschi“ genannte Elch hat in den vergangenen Monaten erst die Sachsen, dann die Thüringer und zuletzt die Hessen begeistert. Am Montag wurde er wie berichtet mit einem Narkosegewehr betäubt, weil er sich gefährlich nah an die Autobahn herangewagt hatte. Danach ließ man ihn im Reinhardswald bei Kassel wieder frei.

Die Elchsichtungen erinnern an Beschreibungen vom Yeti: Am 15. September spazierte das gewaltige Tier durch einen Ortsteil von Sontra, am 18. graste es friedlich in einer Kirschplantage bei Witzenhausen, am 23. stand es bei Kaufungen östlich von Kassel. Auch bei Heinemann war es eine Zufallsbekanntschaft: „Wir wollten in den Wald fahren - plötzlich steht da ein Elch auf der Straße.“ Das Tier ließ sich nicht stören, sprang über einen Weidezaun und begann, friedlich Gras zu mampfen. Von Scheu keine Spur.

Keine Angst vorm großen Plüschtier

Kein Wunder, von seinen Fressfeinden Bär, Tiger und Wolf kommt nur einer in Nordhessen vor - wobei das „einer“ wörtlich zu nehmen ist. Seit zwei Jahren wird im Reinhardswald immer wieder ein Wolf gesichtet, doch als Einzelgänger hätte der gegen den Elchbullen kaum eine Chance. Der Elch scheint auch zu wissen, dass die Menschen ihn eher als „großes Plüschtier“ (Heinemann) sehen. Von Scheu oder gar Angst berichtet keiner der Augenzeugen.

Er kommt aus menschenleeren Gebieten und ist dem Zweibeiner gegenüber deshalb eher neugierig als scheu“, sagt Professor Alexander Herzog. Genau das kann aber zum Problem werden, mahnt Herzog, der Präsident der hessischen Landestierärztekammer ist. „Wenn er Autos nicht kennt, ist die Gefahr groß, dass er in eines hineinläuft.“ Und das ist weit schlimmer als bei einem Hirsch. Denn das 800 Kilo schwere Tier ist genau in der richtigen Höhe, um den Fahrer zu treffen. Für den ist es, als würde ein VW Polo in seine Windschutzscheibe geworfen. Ein großes Problem in Skandinavien, sagt Herzog: „Nicht umsonst haben die ja mit dem Mercedes den Elchtest gemacht.“

Autobahn wegen Knutschi gesperrt

Grund genug für die Kasseler Polizei, die Deutschland durchschneidende Autobahn 7 am Montag für eine Stunde zu sperren. Nachdem sich „Knutschi“ der A7 immer wieder genähert hatte. Kurz vor der Grenze zu Niedersachsen ließ ein Schuss aus einem Narkosegewehr den gut zwei Meter hohen Elchbullen zusammenbrechen. Die Fahrt endete im Reinhardswald. Wo genau, ist Verschlusssache.

Dabei geht von „Knutschi“ offenbar keine Gefahr aus. „Der hatte keine Angst und auch nicht die geringste Aggressivität“, sagt Augenzeugin Heinemann. Selbst mit Eiko habe sich der Elch verstanden: „Der hat unseren Border Collie kurz angeguckt und dann weitergegrast.“ Vielleicht taucht „Knutschi“ bald wieder in Witzenhausen auf, denn im Reinhardswald werde er kaum bleiben, sagt Tierarzt Herzog. „Das Tier war auf der Wanderschaft und das wird es wieder sein“, sagt der Professor. „Solange man ihm keine Elchkuh in den Reinhardswald setzt, wird der Bulle weiter wandern.“

Quelle: op-online.de

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