Die Toten werden zuletzt gezählt

Frankfurt ‐ „Hoffentlich macht mein Pilot das besser“, mag derjenige Reisende gedacht haben, der am Samstag zwischen 10 und 15 Uhr zur Landung am Frankfurter Flughafen ansetzte. Von Jens Dörr

Wer nicht wusste, dass sich die Nordwestlandebahn noch im Bau befindet, konnte beim Blick von oben schon ein bisschen nervös werden: zerstreute Flugzeugteile und Blaulicht allerorten, dazu massenweise Menschen – viele erschreckend leblos auf der Bahn liegend. Auch die Besucher der Buchmesse dürften zumindest irritiert gewesen sein, dass über Stunden hinweg ein Einsatzfahrzeug nach dem anderen durch Frankfurt raste. Zumindest diejenigen, die nichts von der vorab in den Medien publizierten „SOGRO MANV 500“ gehört oder gelesen hatten.

Die Groß-Übung in Bildern:

Größte Katastrophenschutzübung Deutschlands

Denn es war alles nur ein Test – gottlob. Denn „SOGRO MANV 500“ steht für „Sofortrettung bei Großunfall mit einem Massenanfall von 500 verletzten Personen“ und genau der wurde am Samstag auf der Nordwestlandebahn geprobt.

Das Szenario: Zwei Flugzeuge sind kollidiert, exakt 560 teils schwer verletzte Passagiere und 30 Tote liegen verstreut auf dem Beton. „Es hätte auch der Zusammenstoß zweier ICE sein können, die Übung ist keine flughafenspezifische“, betont Professor Reinhard Ries, Chef der Frankfurter Feuerwehr. Denn es ging am Samstag in erster Linie nicht darum, die Sicherheitsmechanismen des Mega-Airports zu testen – auch nicht um die Bergung aus Flugzeugwracks.

Ziel der Übung war es vielmehr, die medizinische Erstversorgung der Unfallopfer zu optimieren und übergreifende Informationsketten zwischen den Beteiligten aufzubauen. Und das in einer Größenordnung, wie sie die Bundesrepublik noch nie gesehen hat. Neben den 560 Darstellern, die die Verletzten mimten, waren weitere 1 500 Menschen von Flughafen-, Berufs- und Freiwilliger Feuerwehr, Rotem Kreuz, Johannitern, Maltesern, Polizei und der Flughafensicherheit im Einsatz. 450 Fahrzeuge brachten sie an den inszenierten Ort des Grauens.

Flughafenfeuerwehr in drei Minuten vor Ort

Dort kommt es am Samstag um 10.30 Uhr zur Katastrophe. Entdeckt wird sie zuerst im neuen Tower, von dem aus sich auch die Nordwestlandebahn einsehen lässt. Bei Nebel zwar nicht, dann greifen aber andere Kontrollen. Nur wenige Sekunden nach der angenommenen Kollision ertönt der Alarm – binnen drei Minuten treffen Flughafenfeuerwehr und -sicherheit als erste ein. Normalerweise geht es nun auch ans Löschen - darauf verzichteten das DRK Frankfurt, die Stadt Frankfurt sowie die Fraport AG als federführende Verantwortliche von „SOGRO MANV 500“ allerdings.

Der Löscheinsatz sei bereits geübt worden, „und er hat auch funktioniert“, sagt Karl-Christian Hahn, Leiter des Flughafenbrandschutzes der Fraport AG. Auch die zerstörten Maschinen werden nur angedeutet, etwa mit verstreuten Triebwerksteilen.

Darstellung von Chaos möglichst realistisch

Als die ersten Helfer anrücken, beginnt auch das Geschrei – endlich, mögen sich die vielen, teils internationalen Beobachter der Übung und die mehr als 50 Medienvertreter und Dokumentationsteams auf der Bahn und im Helikopter hoch droben gedacht haben. Denn die Darstellung von Not und Chaos sollte möglichst realistisch sein. Die überwiegend jungen Schauspieler der Mimtrupps und sonstigen Freiwilligen hatten trotz grausig geschminkter Verletzungen und Verstümmelungen bis kurz vor knapp noch geflachst und sich so gar nicht verhalten, als seien sie soeben in eine Katastrophe geraten.

Zu deren hierzulande in einer Übung noch nie dagewesenen Größenordnung merkte Professor Leo Latasch, Projektkoordinator und zugleich tätig beim Roten Kreuz Frankfurt, an: „Viele haben mehr als 500 Verletzte im Vorfeld für unrealistisch gehalten. Leider sind wir von den Ereignissen bei der Love Parade in Duisburg überholt worden.“

Kräfte aus ganzem Rhein-Main-Gebiet im Einsatz

Nun also auch Panik, als die Vorhut eintrifft. Die kommt allein zunächst nicht weit, nimmt aber eine erste Selektion vor: Die leicht Verletzten werden als erste von der Unfallstelle entfernt. Um jene, denen ganze Gliedmaßen fehlen, die großflächige klaffende Wunden oder mehrere Knochenbrüche haben, kümmern sich die Rettungskräfte. Etwas länger als zehn Minuten dauert es, bis die ersten von ihnen eintreffen. Noch ist es eine staubige Piste, die zum bereits betonierten Teil der Nordwestlandebahn führt. Entsprechend langsamer müssen die Einsatzwagen am Samstag noch fahren, als sie das ab Ende 2011 werden tun können, wenn das Mammutprojekt fertig sein soll. Aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet sind Kräfte im Einsatz, die ersten kommen aus Frankfurt und den umliegenden Städten und Gemeinden. Aufgabe: koordinierte Erstversorgung der Schwerverletzten, möglichst schneller Abtransport in die Krankenhäuser.

Die Toten werden zuletzt gezählt – so makaber es klingt. Die Spezialisten des Erkennungsdiensts, die die durch Puppen dargestellten Leichen begutachten, werden erst nach und nach aus diversen Polizeipräsidien zusammengezogen. Genug für 30 Tote gibt es auch in einer Großstadt wie Frankfurt nicht.

Geburtsstunde eines neuen Systems

Die Lebenden also zuerst – nicht jeder erhält trotz der nach einer halben Stunde zu Dutzenden anrollenden Rettungswagen sofort Hilfe. „Meine Arme, warum hilft mir denn keiner?“ – Gebrüll wie dieses hallt minutenlang unbeantwortet über die Landebahn. Bei solch einer immensen Zahl an Betroffenen sei es schlicht nicht möglich, dass alle nach nur wenigen Minuten versorgt würden, merken die Verantwortlichen im Nachgang an.

Weshalb sie das rund vierstündige Schauspiel nach einer ersten Analyse insgesamt sehr zufrieden resümieren, hat mehrere Gründe: Zum einen sei der Einsatz so strukturiert abgelaufen, wie es in einem solchen Chaos eben möglich sei. Zum anderen, und das heben alle Beteiligten hervor, sei der Samstag „die Geburtsstunde eines neuen Systems, damit Patienten bei Katastrophen auf Anhieb in die für sie richtige Klinik gebracht werden“, wie es Feuerwehr-Chef Ries ausdrückt.

Armband mit Funk-Chip

Damit meint er ein System mit Funk-Etiketten, Armbändern und kleinen tragbaren Computern (PDA): Ein solches Armband mit Funk-Chip bekommt jeder Verletzte am Unfallort angelegt, mittels PDA geben Arzt oder Rettungsassistent Daten wie Art der Verletzung und Zustand der Vitalfunktionen ein. Die Chips korrespondieren mit einem System, dass in den Krankenhäusern und Rettungsleitstellen beobachtet wird. Zugleich stellt es die Kapazitäten und Behandlungsmöglichkeiten der Klinik im Hinblick auf die Verletzten dar. Überfüllte oder mit bestimmten Fällen überforderte Krankenhäuser könnten so zukünftig der Vergangenheit angehören. Außerdem wissen die Einsatzkräfte schon vor ihrem Eintreffen, was sie am Unfallort erwartet.

Allerdings soll das System, das seine Feuertaufe bestanden hat, noch weiter verfeinert werden. Und hoffentlich nie in einem Ausmaß wie bei „SOGRO MANV 50“ zum Einsatz kommen.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Dörr

Kommentare