Nun kommen Sie doch endlich rein!

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Tigerpalast stellt neues, herzerwärmendes Programm vor.

Frankfurt ‐ Offenbach: 10 Grad, Schaafheim 9 Grad, Frankfurt-City 13 Grad, Darmstadt 9 Grad. Nun kommen Sie doch endlich rein! Es ist Schluss, Schluss mit Sommer, Schluss mit den lauen Abenden, die man auf der Terrasse oder im Straßencafé verdämmern kann. Von Michael Eschenauer

Hier frieren Ihnen in diesen Tagen höchstens Weißwein, Käsewürfel und die Begleiterin ein. Doch wohin ausgehen? Schon Franz Kafka schrieb: „Ich sagte mir: Setze alle Kraft an, um ins Varieté zu kommen; das ist der Ausweg.“

Sein Zitat findet sich auf der Einladung zur Premiere der Herbst/Wintersaison des Tigerpalasts. Zum 23. Mal hat die Institution von Margareta Dilllinger und Johnny Klinke an diesem Dienstagabend in die Heiligkreuzgasse eingeladen: Viele „Ex-“ sowie einige „amtierende“ Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur sind gekommen, und so mancher, der hofft, seine Stunde möge bald schlagen. Vor dem Tigerpalast im Gerichtsviertel wird Champagner auf Asphalt gereicht, die Damen sind frisch geföhnt, die Herren in schwarze Anzüge geschnürt.

„Wir hoffen auf einen milden Winter“

Die Fotografen lassen ihre Blitze blitzen, die Reporter kritzeln aufs Blöckchen. Wangenkuss und perlendes Frauenlachen, Männer klopfen männlich auf Männerschultern, ein Ballonverkäufer trägt 50 federleichte Tierfiguren an der Frankfurter Society und zwei schweren Regierungskarossen vorbei, die gerade den neuen Innenminister Boris Rhein (CDU) samt schwangerer Gattin Tanja und Bodyguards anliefern. Keine vier Stunden ist seine Vereidigung im Landtag her und schon quetscht er sich an einen der runden Bistro-Tische im Tigerpalast.

Johnny Klinke trägt seinen unvermeidlichen Anzug mit Weste und offenem weißen Hemd: „Wir hoffen auf einen milden Winter“, sagt er und das meint er symbolisch. Die Zeit der Krise, in der Banken und Firmen reihenweise die Feiern absagten, ist vorbei. „Bei den Privatbuchungen und den Firmenfeiern ist wieder Bewegung drin.“ Man kenne das. Ohne Subventionen wandele die Kultur stets auf einem schmalen Grad, meint Klinke. Am Ende der Show wird Margareta Dillinger unter Applaus und anerkennendem Pfeifkonzert auf die Bühne gehen, und einen „persönlichen Wunsch“ an das Publikum richten: „Wenn es Ihnen gefallen hat, sagen Sie es bitte weiter, damit viele Leute kommen.“ Die internationale Star-Entertainerin Liliane Montevecchi, die durchs Programm führt, ruft fast schon beschwörend: „Dies ist ein wunderbarer Platz, wir müssen ihn bewahren und schützen. Für immer“. Derartiges hat man beim Tiger selten vernommen.

Kontorsion, Equilibristik und tänzerische Elemente

Die Lage sei wie sie sei - Dillinger, Klinke und das Team im ehemaligen Vereinsheim der Heilsarmee lassen sich Stil und Schneid nicht abkaufen. Vielleicht sind 55 Euro Eintritt plus Getränke für normale Menschen nicht ganz billig. Aber der Espresso ist Spitzenklasse, der Wein gut, im blitzsauberen Klo mit frischen Frotteetüchlein für jeden Besucher steht eine rote Sitzgarnitur, die Kellner könnten im Fünf-Sterne-Restaurant bedienen. Die Jahre mögen vergehen, aber man lässt nicht nach.

Ja, ja. Ach so, die Künstler! Die rund zweistündige Show wartet mit sieben Darbietungen auf, echt Spitze sind zwei davon. Es handelt sich um junge Paare, deren Nummern Können und Romantik atmen: das ukrainische Akrobatik-Duo „You & Me“ und das „Duo Madrona“ aus Seattle.

Die Ukrainer Julia und Igor, ausgebildet an der Zirkusschule in Kiew, Gewinner der diesjährigen Silbermedaille beim Internationalen Cirkusfestival in Paris, sind zum ersten Mal in Frankfurt und begeistern die verwöhnte Runde. Kontorsion, Equilibristik und tänzerische Elemente - dargeboten in Straßenkleidung und mit unverbrauchtem, unprätentiösem Charme vor modern-minimalistischem Bühnenbild.

Kuss ist hingebungsvoll und echt

Ähnlich die Amerikaner am Trapez: Rachel und Ben studierten zunächst Biologie, entschieden sich dann aber für die Artistenlaufbahn und absolvierten eine Ausbildung an der „School of Acrobatics and New Circus Arts“ im Staate Washington. „Die haben erst gedacht, nach Las Vegas zu gehen. Aber da bleibst du für die nächsten 20 Jahre hängen. Wir haben ihnen klargemacht: Geht nach Europa, da ist mehr Bewegung in der Szene“, sagt Klinke. Außerdem verrät er, dass die beiden vor einer Woche geheiratet haben und nun ihre Flitterwochen beim Tiger verbringen.

Da überrascht es kaum, dass die Nummer damit endet, dass die beiden sich küssen. Selbstvergessen, obwohl 170 Augenpaare auf sie gerichtet sind und sie drei Meter über den Bistrotischen baumeln. Der Kuss ist hingebungsvoll und er ist echt.

Tigerpalast, Frankfurt, Heiligkreuzgasse 16-20, Tel. 069-9200-220; mehr Informationen auf der Internetseite des Tigerpalasts.

Die übrigen Nummern - „Oksana & Vadim“ (Akrobatik, Tanz, verblüffend schnelle Kleiderwechsel), der absolut chaotische, aus Wien stammende und im „Crazy-Horse“ fest engagierte Spaß-Zauberer Otto Wessely, der Rilke zitiert und fast jede Nummer vergeigt, George Schlick aus Nürnberg mit Wohnsitz in Hawaii als genialer Bauchredner, der Einhand-Equilibrist Alexander Veligosha aus Moskau und der Tempojongleur Paul Ponce aus Argentinien - sie alle sind vielleicht nicht unbedingt immer romantisch, aber authentisch.

Vor allen Dingen wenn man als Zuschauer ihr Können aus wenigen Metern Entfernung bezeugt. Die in Paris geborene und in New York lebende Tänzerin, Schauspielerin, Sängerin und Entertainerin Liliane Montevecchi führt durchs Programm, mit deutsch-englisch-französischem Charme, Chansons und einem nicht enden wollenden Reigen extravagantester Abendgarderoben.

Quelle: op-online.de

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