Kommentar: Frankfurter Strategien

Allem nordischen Charme und aller gern nach außen demonstrierten Umgänglichkeit zum Trotz ist Petra Roth vor allem auch ein machtbewusster Mensch, der den Ton angeben will. Von Christian Rietmüller

Nur so konnte sich die im Grunde liberale Frankfurter Oberbürgermeisterin inmitten einer von konservativen Kräften geprägten hessischen CDU behaupten und zur allseits geachteten Grande Dame der Stadtoberhäupter in Deutschland aufsteigen. Vermutlich noch wichtiger dürfte ihr die städtische Geschichtsschreibung sein, die Roth dereinst unter den wichtigeren Chefs im Römer führen wird, fielen in ihre lange Dienstzeit doch etliche Entscheidungen, die wesentlich für die Zukunft Frankfurts sein werden. Der Verbleib der Europäischen Zentralbank in der Stadt, der Umzug der Goethe-Universität ins Westend und die damit verbundene Idee, den Standort Bockenheim zum Kulturcampus zu entwickeln, der Ausbau des Flughafens, das Entstehen des Europaviertels oder die Pläne für den Wiederaufbau der Altstadt seien hier als Beispiele genannt.

Solche Großprojekte wird aber selbst eine reiche Stadt wie Frankfurt in den nächsten Jahren nicht mehr finanzieren können, weshalb manches Traumschloss ein solches bleiben wird. Hehre Ideen auf den letzten Metern ihrer Karriere noch begraben zu müssen, ist gewiss nicht nach Petra Roths Geschmack. Darum dürfte sie sich auch nicht mit letzter Kraft gegen die strategischen Pläne der CDU gewehrt haben, mit allen Mitteln das Amt des Frankfurter OBs für die Christdemokraten zu sichern, selbst wenn diese den für die Öffentlichkeit überraschenden Verzicht Roths auf das letzte Jahr ihrer dritten Amtszeit im Römer erfordern. Dieser Verzicht bedeutet nämlich eine OB-Wahl im nächsten Frühjahr, für die keine andere Partei einen Kandidaten aufbieten kann, vor dem die CDU ins Schlottern geraten müsste.

Denn obwohl mit Michael Paris und Peter Feldmann zwei Sozialdemokraten ihre Ambitionen öffentlich gemacht haben, ist es kein Geheimnis, dass die SPD lieber einen „roten Ritter“ (oder eine Ritterin) von außen als Spitzenkandidaten präsentieren würde, den sie auf die Schnelle aber nicht finden wird. Die Grünen, Koalitionspartner der CDU im Römer, müssen nach Manuela Rottmanns Rückzugsankündigung erst einmal Kandidaten für ihre verschiedenen Dezernentenstellen finden und der mögliche FDP-Kandidat Volker Stein weiß wahrscheinlich nur selber noch nicht, dass er ein Auslaufmodell ist. Roths vielleicht auf sanften Druck der Partei ausgesprochene Empfehlung für Innenminister Boris Rhein als ihren Nachfolger folgt gleichfalls strategischen Erwägungen. Der bessere Mann wäre nämlich Kämmerer Uwe Becker. Doch dessen Ambitionen sind allein auf Frankfurt beschränkt.

Quelle: op-online.de

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