G9 kommt zurück

Kommentar: Gute Chancen - vergeigt

Acht Jahre ist es her, dass die Bildungspolitik der Regierung Roland Koch (CDU) die hessischen Eltern und Schüler mit dem Turbo-Abi beglückte.

Gestern erfolgte das Eingeständnis, dass dieser Schritt einmal mehr die Interessen der Schüler, für deren Wohl Schulpolitik eigentlich da sein sollte, zumindest in großen Teilen übergangen hat.

Das Einräumen einer Wahlfreiheit für Gymnasien beim verkürzten Weg zur Hochschulreife ist nichts weniger als ein Zurückrudern, als das Eingeständnis, sich zumindest partiell geirrt zu haben. Sowohl was das Kindeswohl angeht als auch hinsichtlich des zähen Widerstands der Elternschaft. In manchen Kommunen fordern 95 Prozent der Eltern die Rückkehr zu G9. Sie können allerdings zum großen Teil nicht über den Bildungsgang ihrer Kinder mitbestimmen, denn wohlgemerkt: Nicht für sie, sondern für die Schulen gilt die neue Wahlfreiheit. Mit einer Bildungspolitik der ruhigen Hand, die Schwarz-Gelb immer wieder versprochen hat, hatte der dilettantische Großversuch mit Kindern in jedem Fall nichts zu tun.

G8: Man hat sich von anderen draufheben lassen und wie der Hund reflexartig nach der Wurst geschnappt. Der Blick ins Ausland, wo - angeblich - vergleichbare Bildungsabschlüsse in viel jüngeren Alter absolviert werden, was - angeblich - den deutschen Nachwuchs international um Bildungs- und Karrierechancen bringt, war das Totschlag-Argument gegen Mahner. Was zählten Reifeprozess, Interessen, die Muße der Jugend, Freizeitkultur? Die Industrie drängte in die gleiche Richtung - und schwubs sprang man über das hingehaltene Stöckchen: G8 war da. Die Wut eines Großteils der Eltern folgte auf dem Fuße.

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G8: Man dachte nicht viel nach, die Zeit drängte. Der Lehrstoff für neun Jahre wurde einfach zusammengedrückt, während die materiellen Voraussetzungen, also der Lehrerschlüssel und die räumliche Situation in den Schulen, kaum verbessert wurden. G8 war schlecht vorbereitet und überhastet eingeführt - und produzierte Schüler unter Vollstress, die lernen nach dem Motto: Heute Fakten reinfressen, morgen beim Test auskotzen - und dann alles schnell vergessen (ähnlich lernen übrigens heute viele Bachelor-Studenten). Es gab überforderte Lehrer und wütende Eltern, die zusammen mit ihren Zöglingen nach einem Schultag bis 16 Uhr halbverstandenen Lehrstoff nachpauken durften. Nachhilfelehrer machten Kasse. Alles aus Gründen der politischen Profilierung.

Dabei hätte alles durchaus besser laufen können. G8 ist ja nicht per se schlecht. Es gibt in der Elternschaft durchaus den Wunsch nach Ganztagsbetreuung. Es wird ja auch rumgehangen und warum sollte die Zeit am Nachmittag nicht genutzt werden? Jugendliche haben die Kapazität, viel aufzunehmen, aber nur, wenn sie adäquat unterstützt und begleitet werden. Das zeigt der Anteil derjenigen Schüler - und es sind ja nicht nur zwei oder drei - die mit dem verkürzten Bildungsweg keine Schwierigkeiten haben. Weniger Hektik und eine ruhige Hand hätten G8 zum Erfolg werden lassen. Und zwar für alle. Sogar - durch mehr Ganztagsbetreuung - für Kinder aus bildungsfernen Schichten. Es wurde leider vergeigt.

Mit der neuen Wahlfreiheit mag es Bouffier nun gelingen, im Jahr der Landtagswahl etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen. Das Thema aber ist längst nicht durch. Es bleibt die Hoffnung, dass die Zeit die Wunden heilt, dass die Proteste zwar nicht sofort verschwinden, es aber mit der Zeit gelingt, in den Schulen die Basis für ein wirklich funktionierendes G8-Modell zu schaffen und die Akzeptanz zu steigern.

Wütend macht, dass bis dahin erstmal vielen Schülern das Lernen gründlich verleidet wurde.

Quelle: op-online.de

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