Hessische Schulpolitik

Kommentar: Viele große Baustellen

Drei Jahre und fast vier Monate hat Dorothea Henzler (FDP) als Kultusministerin in Hessen amtiert. Auf Druck der Partei musste die 63-Jährige ihr Amt gestern an die jüngere Nicola Beer (42) abtreten. Von Peter Schulte-Holtey

So richtig gut verstanden haben sich die beiden „Parteifreundinnen“ offenbar selten. So klingen im ersten Interview von Beer als Ministerin auch so manche Spitzen an. Bei der verkürzten Gymnasialzeit G8 und bei der Lehrerversorgung an den Schulen werde sie nachbessern, stichelte Beer gleich nach der Vereidigung. Das ist bitter für Henzler.

Bei Eltern, Schülern und Lehrern wächst jetzt aber die Spannung. Wird Beer wirklich frischen Wind in Hessens seit Jahrzehnten heiß umkämpfte Schulpolitik bringen?

Dutzende Großbaustellen gibt es ja. Bei dem Projekt „selbstständige Schule“ hakt es noch. Hessens Schulen leiden seit Jahren unter „Magersucht und Überalterung“. Permanent ist die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte erhöht worden. Zudem bekommen die Pädagogen zunehmend den Druck vieler Eltern zu spüren, die alles tun, damit ihre Kinder das Abitur ablegen. Sie suchen dabei die Schulen aus, in denen ihre Kinder besser gefördert werden. Privatschulen registrieren einen immer größeren Zulauf. Und wer es sich leisten kann, kauft seinem Kind einfach die Bildung dazu, die der Staat nicht mehr leistet: die oft teure Nachhilfe. Wer als Schulpolitiker gegensteuern will, der muss also zuerst mehr Lehrerstellen schaffen. Henzler hat bereits viel bewegt, aber immer noch fällt an vielen Schulen Unterricht aus.

Auch Beer weiß, dass G8 von Anfang an übereilt und damit auch mit Systemfehlern eingeführt wurde. Weiterhin heißt es „Augen zu und durch“; die Schüler sind noch immer Leidtragende der missglückten Reform. Die neue Ministerin wird intensiv nach einem Ausweg aus der Misere suchen müssen. Dabei sollte sie sich davor hüten, weitere Großprojekt auszurufen. Alle Betroffenen wollen Verbesserungen bei den aktuellen Baustellen, aber keine weiteren Reformen, die wieder nur halbherzig und unpräzise angegangen werden.

Quelle: op-online.de

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