Eine Wunde, die nicht heilt

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Michael Eschenauer

Kanzlerin Angela Merkel war gerade als erste auf der neuen Nordwestbahn gelandet. Es war der 21. Oktober 2011, und im Anschluss an die Rede von Fraport-Chef Stefan Schulte erklang die „1. Prelude Act 1“ aus „Carmen“. Von Michael Eschenauer

Besser bekannt ist das Stück unter dem Titel „Auf in den Kampf, Torero!“ Das Bläserquintett lag damit um einiges besser in seiner Lagebeurteilung als Schulte. Der glaubte, dass nun „eines der großen Infrastukturprojekte Deutschlands erfolgreich abgeschlossen ist“.

Abgeschlossen ist gar nichts

Heute ist klar: Abgeschlossen - zumal erfolgreich - ist gar nichts. Alle Konflikte harren weiter ihrer Klärung.

Okay, die oft beklagten Verspätungen gehören der Vergangenheit an. Selbst die Lufthansa hat ihr Dauerjammern über das Nachtflugverbot schallgedämmt. Ihr Chef Christoph Franz ortete bei der Einweihung des neuen Flugsteigs A-Plus vor ein paar Tagen den Frankfurter Flughafen sogar wieder in der weltweiten Spitzengruppe. Technisch läuft‘s also relativ rund - auch wenn regelmäßig am späten Abend Flüge hängenbleiben. Dem streng gehandhabten Nachtflugverbot - immerhin ein Fortschritt gegenüber früher - sei Dank.

Gleichzeitig stöhnt ein Jahr nach Eröffnung der neuen Landebahn weiter ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung unter dem Dauerlärm. Auch der juristische Streit ist noch nicht ausgefochten. Mehrere Privatpersonen und Städte klagen vor dem Bundesverfassungsgericht. Jeden Montag finden Demonstrationen im Terminal I statt, und bis zur Landtagswahl dürften die Themen Nachtflugverbot, Lärmobergrenzen, Deckelung bei Flugbewegungen ebenfalls nicht entschärft sein.

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Der Fluglärm bleibt politisches Risiko. Auch wenn wohl der Protest jenseits der Region kaum wahlentscheidende Wucht hervorbringen dürfte.

„Erfolgreicher Abschluss“? Gegen diese steile These des Flughafenchefs spricht weiter die Tatsache, dass immer noch hektisch nachgebessert wird: mit einem 265 Millionen Euro teuren Fonds für mehr Lärmschutz, mit einem zusätzlichen Aufkaufprogramm für Häuser, mit einem erweiterten Maßnahmenpaket zur Verbesserung des Lärmschutzes.

Bisher hat das Herumschrauben an Flugverfahren, Routen und Technik allerdings noch keine so recht überzeugenden Verbesserungen hervorgebracht. Wie die gestern gestarteten ehrgeizigen Maßnahmen zu Anflugwinkeln und Flughöhen wirken, bleibt abzuwarten.

Drittes Terminal soll bis 2016 entstehen

Man muss kein Prophet sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass es auch in Zukunft an der Lärmfront wenig Entlastung geben wird. Wie sollte das auch gehen? Bis September haben bereits über 100.000 Maschinen auf der neuen Landebahn aufgesetzt. Bis zum Jahre 2020 soll die Zahl der Fluggäste von derzeit 56 Millionen auf 90 Millionen steigen, die Zahl der Flugbewegungen von 490.000 auf 700.000. Bis 2016 entsteht ein drittes Terminal. Die Zahlen drohen das Prinzip Hoffnung zu zerstören. Die gestern vorgestellten Tests neuer Flugverfahren steuern hier entgegen. Man wolle Wachstum und Lärmzuwachs entkoppeln, heißt es.

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„Wir harren aus im Käfig“

Ein Jahr ist vergangen seit der Eröffnung der neuen Landebahn, und das Thema spaltet noch immer die Region: Die einen standen vor einem Jahr im Garten und weinten, als der erste Flieger um 14.30 Uhr über ihre Hollywoodschaukel donnerte, jetzt verkaufen sie ihr Haus. Die anderen preisen den ökonomischen Schub des Airports und sagen: Stellt euch nicht so an! Der Rest gewöhnt sich daran, mit dem Lärm zu leben. Irgendwie.

Ein Jahr des Redens und des Tuns ist vergangen, die Wunde ist weiter offen. Es ist jene Verletzung, die ein Hochleistungsflughafen in eine dichtbesiedelte Region schlägt, zwangsläufig schlagen muss. Da können wir protestieren und schalldämmen so lange wir wollen, die Verletzung wird nicht heilen, denn der Flughafen wird weiter wachsen und die Landebahn Nordwest wird bleiben. Für eine echte, rigorose Begrenzung des Düsenkrachs hängt zu viel Geld in der Sache.

Seien wir ehrlich: Die Region wird mit dem Problem leben müssen. Es ist nicht lösbar.

michael.eschenauer@op-online.de

Quelle: op-online.de

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