Kommentar zur Kinderbetreuung: Nacharbeiten notwendig

Was hat der gute Oberförster verbrochen, dass ihm so etwas widerfährt: Er ist zum Feindbild in einer der schärfsten Diskussionen geworden, die die hessische Familienpolitik in den vergangenen Jahren durchlebt hat. Gestern wieder: Großdemo vor und Expertenanhörung im Landtag. Von Michael Eschenauer

Thema: das neue Kinderförderungsgesetz. Fazit: Die Sache ist hochkompliziert und hochexplosiv. CDU und FDP hätten sich die Umstellung von der Gruppen- auf die Pro-Kopf-Förderung einzig und allein deshalb ausgedacht, weil man bei hilflosen Kindern Geld sparen wolle, heißt es bei den Gegnern des Gesetzes, deren Phalanx von der katholischen Caritas über die Arbeiterwohlfahrt bis zum Roten Kreuz reicht. Man nehme keine Rücksicht auf behinderte oder ausländische Kinder. Und billige, fachfremde Berufsgruppen - jetzt kommt wieder unser Oberförster ins Spiel - würden auf die Kleinen losgelassen.

Dem Furor bleibt man in Wiesbaden zwar einige Antworten schuldig, was aber ist einzuwenden gegen mehr Transparenz und Gerechtigkeit bei der Mittelverteilung? Nach der bisherigen Fördersystematik wurden für halbvolle Kindergruppen die gleichen Beträge ausgeschüttet wie für die, die aus allen Nähten platzen - unzeitgemäß in einer Ära, in der die Schulden der öffentlichen Hand die Luft abschnüren. Außerdem wird bei den vielfältig gestaffelten Pauschalen durchaus Rücksicht zum Beispiel auf benachteiligte Kinder genommen. Der Hessische Städtetag als Kita-Träger stellte gestern sogar fest, „fast ausnahmslos seien die Standards erhöht“ worden. Für die integrative Versorgung soll eine neue Rahmenvereinbarung angewandt werden, über die kommunale Spitzenverbände und Träger verhandeln. Es klingt einigermaßen überzeugend, wenn CDU-Sozialminister Stefan Grüttner darauf verweist, dass man ab 2014 pro Jahr 425 Millionen Euro, 117 Millionen Euro mehr als bisher, in die Kinderbetreuung stecken werde. Kaum eine Kita werde am Ende weniger haben sagt er. Hier kann, hier sollte man ihn festnageln.

War also alles nur ein Kommunikationsproblem? Haben es 90 Prozent der professionellen Kinderhüter einfach nicht kapiert? Grüttner - und das ist verräterisch - überraschte bereits am Mittwoch mit der Mitteilung, man könne ja nachbessern. Er reagiert auf vier Vorwürfe, die man Schwarz-Gelb nicht ersparen kann. Erstens: Eine dringend notwendige Ausbildungsoffensive bei den Erziehern - es fehlen im Land 3 000 - wurde verschlafen. Zweitens: Die Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen sind zu knapp berechnet. Drittens: Die Bewertung der verschiedenen Tätigkeiten der Erzieher muss verbessert werden. Und viertens: Für den weniger dicht besiedelten Raum muss eine Lösung gefunden werden. Denn nicht voll ausgelasteten Kitas in ländlichen Gegenden droht der massive Verlust von Fördergeldern an die Einrichtungen in Ballungsräumen. Am Ende müssten die extrem klammen Städtchen auf dem Lande mit ihrem Geld die Lücken stopfen.

Das neue Kinderförderungsgesetz will mehr Transparenz und eine Mittelverteilung, die sich am wirklichen Bedarf orientiert. Das ist gut so. Was nicht passieren darf, ist eine per Saldo Verschlechterung der Betreuungsqualität insgesamt. Denn dann triumphieren privat geführte Horte, und über eine glückliche Kindheit - entscheidet das Geld.

Quelle: op-online.de

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