Vielarmiges Monster

Kommentar zum neuen Schulgesetz

Schüler und Eltern dürfen weiter auf den versprochenen Schulfrieden warten. Optimismus ist fehl am Platze, denn die Landesregierung hat sich derart in der Materie verheddert, dass Freunde des absurden Theaters ihre Freude daran hätten. Von Michael Eschenauer

Erst bestrafte man die Schüler mit dem Turbo-Abitur G8. Dann wurde aus Angst vor einem Denkzettel erboster Eltern bei der Landtagswahl 2013 der Rückwärtsgang eingelegt: Schulen konnten zwischen G8 und G9 wählen. Alles schien gut. Doch CDU und Grüne wollen von allen geliebt werden. Und so schaffen sie nun ein vielarmiges Monster, bei dem man mit dem Abschlagen der Tentakeln nicht mehr nachkommt.

Das „Gesetz zur Änderung des Schulgesetzes“ gestattet auch G8-Gymnasialklassen bis zur siebten Klasse, zu G9 zurückzuwechseln. Das hört sich einfach an, ist aber kompliziert und deshalb riskant. Und es verfehlt sein vornehmstes Ziel: die Erfüllung des Schüler- bzw Elternwillens. Will nur ein Kind bei G8 bleiben, muss die gesamte Jahrgangsstufe im „Turbo“-Modus verharren. Stichwort Vertrauensschutz: Man hat sich auf G8 verlassen, es muss ermöglicht werden. Einziger Ausweg aus der Gängelung der Mehrheit: Man findet genug G8er, um eine neue Klasse mit mindestens 16 Schülern zu formen. Diese Regelung kann groteskerweise dazu führen, dass an Schulen mit hoher Zustimmung zu G9 der Wechsel am 16-Schüler-Quorum scheitert, während Schulen, wo man G9 kritischer sieht, problemlos wechseln. Sie könnte weiterhin bewirken, dass G9-Eltern falsch abstimmen: Sie votieren für G8, damit die Umstellung nicht an zu wenig G8-Schülern scheitert. Demokratie verrückt.

Problematisch scheint auch der Entscheidungsprozess, wonach nur dann, wenn die Gremien der Schule den Wechsel zu G9 organisatorisch für bewältigbar halten, die Eltern gefragt werden. Zoff als Dauerzustand droht - zwischen Eltern und Lehrern und zwischen Eltern und Eltern. Denn die Abstimmung erfolgt zwar anonym, aber jeder in der Klasse weiß natürlich, wie die Fronten verlaufen. Das bedeutet Mobbinggefahr. Und was macht eigentlich ein Schüler, wenn er in einer G8-Klasse sitzenbleibt, die folgende Klassenstufe aber nur G9 anbietet und eine andere Schule nicht in Frage kommt? Ade Vertrauensschutz! Der Schüler verliert zwei Jahre, ist doppelt bestraft, und Hessen wartet weiter auf den Schulfrieden.

Quelle: op-online.de

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