Kommentar: Zeit für was Frisches

+
Michael Eschenauer

Zehn Monate lang leuchtete es wie ein trotziger roter Fleck auf dem teuren Lackschuh der Bankenmetropole: Das Occupy-Camp an der alten Europäischen Zentralbank bestimmte lange die Frankfurter Debatten. Von Michael Eschenauer

Die Kritiker des internationalen Finanzkapitalismus und der Strategien der Politiker gegen die europäische Schuldenkrise hatten sich den richtigen Platz ausgesucht. Hier überragen die Geldtürme und erst recht die Doppel-Kolosse der neuen EZB die Kirchen und das Rathaus um ein Mehrfaches. Jeder, der Augen im Kopf hat, kann in Frankfurt sehen, welches Ranking unsere vielbesungene christlich-abendländische Kultur und Demokratie derzeit erreichen.

Gestern ist dieser Kristallisationspunkt der Wut und Angst von der Polizei geräumt worden. Allem Anschein nach geschah dies friedlich. Und auch wenn die letzten Aktiven nur unter Protest die Schlafsäcke einrollten - man kann sie zu diesem sauberen Ende beglückwünschen. Denn die Zustände im Camp drängten mit fortschreitender Dauer seines Bestehens die Themen, um die es gehen sollte, immer mehr in den Hintergrund. Spätestens nachdem der Name „Occupy-Camp“ nur noch mit einem Lager für Obdachlose und weitere Randgruppen sowie mit Müll und Rattenproblemen assoziiert wurde, war klar: Hier läuft etwas falsch mit dem Protest. Den meisten Menschen im Camp ging es gar nicht um Debatte, sondern um Essen und ein Dach über dem Kopf. Das Argument von Occupy, die Problembewohner seien Konsequenz der und Beispiel für die wirtschaftlichen und politischen Missstände, war dünner Euphemismus, der nicht verfing. Nun gehört der Park am Willy-Brandt-Platz wieder den Frankfurtern. Eine zunehmend inhaltsarme Hängepartei hat ein Ende.

Die Ex-Okkupanten sollten der Versuchung widerstehen, der Stadt als Epilog einen Nervenkrieg auf der Straße und vor Gericht zu servieren: Im Römer hat man diese ungewöhnliche Art des Protests lange gestattet. Ein Ende mit Schrecken würde dazu führen, dass man hier und anderswo in Zukunft gleich zum dicken Knüppel greift.

Ohnehin scheint es angemessen, der Bewegung etwas mehr Kreativität abzufordern. Fast ein Jahr lang Occupy-Camp - die Idee war gut, hat sich aber abgenutzt. Die Aktiven sollten erneut im Wortsinn aktiv werden und sich etwas Neues überlegen, etwas, bei dem möglichst viele Zeitgenossen die Köpfe heben. In einer Stadt mit Universität und Fachhochschule sowie vielen kritischen Gehirnen müsste das doch möglich sein.

Quelle: op-online.de

Kommentare