Streit um Sankt-Martins-Umzug

Kommentar: Sein Mantel wärmt jeden

Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ anstelle eines Sankt-Martins-Zugs? Am 11. November ziehen wieder die Kinder mit ihren Lampions durch die Straßen. Ein schönes Bild, auch wenn die Figur des Bischofs von Tours in der Regel nicht auf einem Schimmel sitzt. Von Michael Eschenauer

Der Versuch eines Bad Homburger Kindergartens mit Rücksicht auf die Gefühle Andersgläubiger dieses Fest kurzerhand umzubenennen und seines Kerns zu berauben, schadet allen: den mutmaßlich durch die christliche Figur ausgegrenzten Migranten, den Deutschen und auch der Idee der Integration. Er hilft nur denen, die nichts kapieren und diese Steilvorlage zu Deutschtümelei, Fremdenfeindlichkeit und rechten Sprüchen nutzen. Dass Kindergartenleitung und Vertreter der Stadt jetzt angesichts des katastrophalen Echos behaupten, der neue Name habe sich seit längerem durch eine an diesem Abend gereichte „Sonne-Mond-und-Sterne“-Nudelsuppe eingebürgert, klingt armselig.

Warum diese Unterwürfigkeit? Vielleicht hätte man sich zunächst informieren sollen, ob sich die Kastration einer schönen Idee - denn die Umbenennung in ein inhaltsleeres „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ ist genau das - überhaupt lohnt. Wenn der Zentralrat der Muslime in Deutschland das Leben des Heiligen Sankt Martin als „vorbildlich“ bezeichnet, so dass einer Teilnahme muslimischer Kinder an den Laternenumzügen nichts im Wege stehe, scheint das nicht der Fall zu sein. Wen wundert’s? Der Gedanke des Teilens - Sankt Martin teilte seinen Mantel mit einem frierenden Bettler - dürfte wohl kaum irgendeinem Kulturkreis fremd sein.

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In Bad Homburg wurde verfahren, als ob es im Umgang mit „Ausländern“ darauf ankäme, Unterschiede von religiösen Orientierungen glatt zu schleifen und durch das bloße Nichts zu ersetzen. Echte Integration ist Chancengleichheit, Toleranz und die Bereitschaft, das Denken des Anderen verstehen zu wollen - und das gilt für beide Seiten. Sie besteht nicht darin, dem vielleicht etwas anderen Menschen die Auseinandersetzung mit etwas Neuem zu ersparen. Der Mantel des Bischofs wärmt jeden von uns. Die Kindergartenleitung hätte Kindern und Eltern das Fest und seinen Wertehintergrund erläutern sollen, anstatt Namenskosmetik zu betreiben.

Die Sankt-Martins-Feiern sind schön, aber in der Regel - seien wir ehrlich - für viele mehr Event als christliches Symbol. Der Idee des Teilens und der Barmherzigkeit aber tut dies keinen Abbruch. Die überschreitet nämlich die Grenzen des Religiösen. Sie tut jeder Kultur gut - auch der unseren, wo mittlerweile die Banken höher sind als die Kirchtürme.

Quelle: op-online.de

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