Die Region hat Platz und nutzt ihn nicht

Kommentar: Vorsorge für Wachstum

Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Der für Planung im Regionalverband FrankfurtRheinMain zuständige Dezernent Thomas Horn (CDU) hätte derlei Worte niemals in den Mund genommen. Von Michael Eschenauer

Trotzdem schimmerte hinter den abgewogenen Statements des Kelsterbacher Ex-Bürgermeisters eines durch: Es gibt Trouble im Boom-Paradies Rhein-Main. Die Kommunen sind bei der Entwicklung von Wohn- und Gewerbegebieten äußerst zurückhaltend gewesen. Zu zurückhaltend. Gerade mal ein Zehntel dessen, was sie vor fünf Jahren als Entwicklungsfläche angegeben haben, und was nun zur Verfügung steht, haben sie tatsächlich bebaut. Dies ist zwar gut, denn wer will schon in einer zubetonierten Welt leben, andererseits zieht es aber immer mehr Menschen und auch Firmen in die Region, die irgendwo untergebracht werden müssen. Die Zahl der Baugenehmigungen im Regionalverband ist von 41.000 im Jahre 1995 auf 16.000 im Jahre 2012 abgestürzt. Man müsse Lokalpolitikern und Bürgern deutlich machen, dass Bautätigkeit auch eine Form der Zukunftssicherung sei, so Horns Resümee.

Ja, die Bürger. Sie haben, so scheint’s, vielerorts einen Politikertypus herausgemendelt, der im Verwalter seine höchste Entwicklungsstufe sieht. Der Macher und Gestalter wird neuerdings wenig goutiert, ist nicht länger Favorit im Rennen um Wählerstimmen, ist fast verschwunden. Hinzu kommt, dass Politik im Vergleich zu den 1970er oder -80er Jahren ein unerhört zähes Geschäft wurde. Entscheidungen sind in den lokalen Parlamenten angesichts einer wachsenden Zahl an Fraktionen immer schwerer durchzusetzen. Hinzu kommen immer kompliziertere gesetzliche Vorgaben, extrem lange Planungszeiten sowie eine stets empörungsbereite Bürgerschaft, die Veränderungen ihres Lebensumfelds – zum Beispiel eben in Form eines neuen Bau- oder Gewerbegebietes – unverzüglich mit der Gründung einer Verhinderungsinitiative quittiert. Demokratie vor Ort kann gut sein, sie kann aber auch Wachstumsschmerzen verursachen, die die kommunale Vorsorge erschweren. Die Anregung des Regionalverbands-Beigeordneten Horn, man solle doch angesichts des „gedeckten Tisches bitte mehr Stadt in der Stadt wagen“ und zumindest die Baulücken schließen, lässt sich als Weckruf verstehen. Die Boomregion Rhein-Main hat in ihren Städten und auch außerhalb noch immer viel Platz für die Zukunft, aber sie muss sich trauen, die Claims auf die Goldgräber vorzubereiten. Sie könnte sonst schlimmstenfalls „bei gedecktem Tisch“ verhungern.

Von 1 bis 6! Noten für die Bundestagsabgeordneten aus der Region

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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