Kommissar enttäuscht über die Justiz im Gäfgen-Fall

Hamburg/München/Frankfurt - Der im Fall des Kindsmörders Magnus Gäfgen wegen Nötigung verurteilte Frankfurter Vernehmungsbeamte hat sich enttäuscht über die Justiz geäußert.

„Ich habe keine Gewalt angewendet. Ich habe ihn auch nicht bedroht“, sagte Kriminalhauptkommissar Ortwin Ennigkeit in der ARD-Sendung „Beckmann“ am Donnerstag. „Ich habe ihn (Gäfgen) dazu gekriegt, indem ich ihm das Schreckliche seiner Tat vor Augen geführt habe, dass er mir sagt, was mit dem Jungen los ist. Und das würde ich jederzeit wieder machen.“

Der Polizist hatte, so sah es später das Gericht, Gäfgen im Auftrag seines Vorgesetzten, dem früheren Vizepräsidenten Wolfgang Daschner, mit großen Schmerzen gedroht, um das Versteck des entführten Bankierssohn Jakob von Metzler zu erfahren und dessen Leben zu retten. Nach der Drohung führte Gäfgen die Polizisten zu der Leiche des Elfjährigen. Er hatte das Kind schon am Tag der Entführung erstickt und in einem See versteckt. Ennigkeit und Daschner wurden wegen Nötigung verurteilt. Geldstrafen wurden ihnen aber nur angedroht, ihre Polizeikarrieren gingen weiter.

Den Ermittlern sei 2002 bei der Suche nach dem seit vier Tagen entführten Jungen die Zeit weggelaufen, betonte Ennigkeit. Wie weit er im Verhör des Täters Magnus Gäfgen gegangen wäre, wisse er nicht: „Ich weiß wirklich nicht, was passiert wäre, wenn ich das nicht so herausgefunden hätte.“

Äußerst belastende Zeit

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Vom Foltervorwurf hat Ennigkeit nach eigener Aussage aus den Medien erfahren. Seine Verurteilung wegen Nötigung habe er „hingenommen, weil ich erst mal froh war, dass alles vorbei ist“. Die ganze Zeit sei äußerst belastend für ihn gewesen, weshalb er nicht gegen das Urteil des Frankfurter Landgerichts vorgegangen sei. „Heute ärgere ich mich, dass ich es nicht gemacht habe. Ich könnte mir vorstellen, dass eine höhere Instanz anders entschieden hätte. Und wir hätten jetzt auch mehr Rechtssicherheit für Kollegen, die in eine ähnliche Situation geraten.“

Das zunächst gestoppte Buch des ehemaligen Vernehmungsbeamten erscheint an diesem Montag unter dem Titel „Um Leben und Tod“ im Heyne-Verlag in München. Es war vor rund einem Jahr zunächst vom Frankfurter Polizeipräsidium mit dem Hinweis auf Geheimnisverrat gestoppt worden. Der Verlag hatte zudem zunächst die juristische Klärung der Foltervorwürfe abwarten wollen.

dpa

Quelle: op-online.de

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