Kompletter Stilwechsel

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Bislang sogar von den eigenen Leuten argwöhnisch beäugt, gewinnt Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann an Profil.

Frankfurt - „Ob er wohl selbst kommt?“, witzelt ein Journalist. Es ist 10.15 Uhr, und die Mainmetropole wartet gespannt darauf, dass sich der Nebel lichtet. Man erhofft sich in den kommenden Minuten den ersten freien Blick auf das Phänomen Peter Feldmann. Von Michael Eschenauer

Am 25. März wurde er überraschend mit einer Mehrheit von 57,4 Prozent vor dem als Favoriten gehandelten Kontrahenten Boris Rhein (CDU) zum Oberbürgermeister von Frankfurt gewählt. Trotzdem lautet noch immer die meistgestellte Frage in Frankfurt: „Wer ist Peter Feldmann?“ Sie wurde in den vergangenen Wochen umso schärfer gestellt, je dringlicher eine Standortbestimmung des SPD-Mannes zu bestimmten Dingen schien und je häufiger der oberste Repräsentant auf wichtigen Terminen fehlte. Ob er wohl kommt?.

Er kommt. Exakt um 10.37 Uhr betritt unter dem Blitzlichtgewitter der Rhein-Main-Medienkavallerie der zierliche Politiker den bis auf den letzten Sitzplatz gefüllten Magistratssitzungssaal. Und was tut er? Er schaltet den Overhead-Projektor an. 30 Seiten Skript. Uff! Man hat’s geahnt: Ein Bürokrat, ein Spiegelstrich-Fetischist, ein Organigramm-Künstler, ein Aktenschieber. Es folgt ein fast 45-minütiger von Grafiken, Polit-Theorie und Punktelisten unterfütterter Monolog mit dem Titel „Die ersten 100 Tage. Präsentation des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann“. Genervtes Augenrollen.

Man muss sich an Feldmann erst gewöhnen

Doch der Eindruck täuscht. Man muss sich an Feldmann erst gewöhnen. Er glitzert nicht so wie seine Vorgängerin Petra Roth. Er glitzert eigentlich überhaupt nicht. Aber er wirkt. Und der Zeitstrahl seines Karriere-Organigramms - „Phase 1: Intensive Vorbereitung“, „Phase 2: Amtsantritt“ „Phase 3: Erste 100 Tage“, „Phase 4: Arbeitsjahre“ - endet nicht mit der nächsten OB-Wahl im Jahre 2016. Der Mann will mehr und er scheut auch vor Ärger nicht zurück.

Feldmanns Visionen sind ein „Lebenswertes Frankfurt“ mit „Sozialer Gerechtigkeit“ und „Dynamischer Wirtschaftsentwicklung“, Motto: „Diese Stadt ist eins“. Ähnlichkeiten mit der ARD („Wir sind eins“) sind rein zufällig. Seine fünf wichtigsten Arbeitsfelder nennt der SPD-Spitzenmann auch: Ausbau des Wirtschaftsstandorts, Bildung/Kinderarmut, Würde im Alter, Wohnungsbau und Fluglärm. Er werde gegenüber der schwarz-grünen Koalition nicht auf Konfrontationskurs gehen, verspricht der neue OB, obwohl seine Entscheidungen zu den Dezernatszuschnitten eine neue Eiszeit im Römer einleiten könnten. „Die Zeit des Wahlkampfs ist vorbei.“ Jetzt folge die Politik der ausgestreckten Hand. Sachlichkeit sei alles.

Nobody gewinnt an Statur

Der Verlauf der kaum mehr als einstündigen Pressekonferenz ist erstaunlich. Der argwöhnisch beäugte Nobody gewinnt - in Interviews und Gesprächen - an Statur. Er will offensichtlich bei seiner Amtsführung extrem planvoll vorgehen. Was den Vorteil hat, dass man ihm so schwerer Themen aufdrücken kann. Sein Fahrplan, so stellt er mehrfach fest, sei fix, denn er spiegele die Problemfelder wider, „wegen denen die Menschen mich gewählt haben“. Feldmann glaubt zu wissen: „Die Leute warten weniger auf jemanden, der repräsentiert, als auf einen, der die Dinge verändert.“ Er müsse, sagt er, „in seinen Zielen erkennbar bleiben“. Die anfängliche „Phase des Abtauchens“ stellt er dar als Standortbestimmung.

Ob er kampfbereit sei? Ja, schon. „Die Leute müssen merken, hier ist jemand der für sie kämpft.“ „Wohnblockweise“ hätten Leute aus den unteren Schichten für ihn gestimmt. „Leute, die noch nie vorher gewählt haben.“ Er verstehe sich, so spricht Feldmann in die Mikrophone, als deren Anwalt. Der zierliche Mann im dunkelgrauen Anzug, der die Stimme selten hebt, geht auch auf den Vorwurf ein, zu wenig öffentlich aufzutreten. „Was am Ende zählt, ist nicht die Zahl meiner Grundsteinlegungen“, stellt er mit hartem Blick fest. Offensichtlich traut er diesem Argument selbst nicht ganz. In seiner Bilanz finden sich Listen zu sämtlichen Bereichen seiner Kontaktpflege innerhalb und außerhalb der Verwaltung.

Vieles wirkt im Details gefangen

Vieles wirkt im Details gefangen, bagatellhaft auf dieser ungewöhnlichen Pressekonferenz - und doch scheint sich einiges davon zu einem Programm zu fügen, das klar die Schwächeren der Gesellschaft im Fokus hat. Feldmann macht wenig Witze, wirkt aber nicht humorlos, sondern wie jemand, dem eine Sache zu wichtig für irgendwelche augenzwinkenden Kuhhändel ist. Zu seiner belächelten Phasen-Einteilung bemerkt der Oberbürgermeister Folgendes: Er habe in seinem Leben häufig einen Plan gemacht, Phasen festgelegt. Denn: „Hinter den Taten soll nicht Willkür, sondern ein Plan stehen“.

Der Auftritt hat den Nebel gelichtet. Wenn Feldmann nun redet - ohne Rhetorikgeklingel und mit ruhiger Stimme - ist man geneigt, dies nicht als unscheinbar, sondern ernsthaft wahrzunehmen. Seine Sätze scheinen nun nicht mehr hölzern, sondern unprätentiös. Das Fehlen großer Gesten wirkt erholsam in Zeiten universeller Großmäuligkeit.

Auf Seite 30 seines Regierungsplans findet sich sogar Humor. „Übrigens: Wo Sie mich demnächst antreffen ...“, heißt die Überschrift. Es folgen zwölf OB-Termine von der Eröffnung der Buchmesse am 9. Oktober über die Operngala am 1. Dezember bis zum Neujahrsempfang der IHK am 22. Januar 2013.

Quelle: op-online.de

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