Kontrolleure blind und taub

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Mehr Platz und mehr Lärm: Der Frankfurter Flughafen wächst weiter. Im Herbst soll die erste Landung auf der neuen Nordwest-Bahn stattfinden. Jetzt stößt die Lärmüberwachung durch die Anwohner auf Hindernisse.

Frankfurt - Die Idee ist bestechend: Ein öffentlich zugängliches Fluglärm- und Flugroutenbeobachtungssystem für den Frankfurter Flughafen soll jedem Interessierten die Möglichkeit geben, mit einer Verzögerung von nur zehn bis 15 Sekunden alle startenden und landenden Flieger zu überwachen. Von Michael Eschenauer

 „Jede Maschine würde sichtbar, zusätzlich gäbe es Informationen über Höhe, Geschwindigkeit, Flugkorridor, den Bautyp und die Triebwerke“, berichtet Günter Lanz, Geschäftsführer des Umwelt- und Nachbarschaftshauses Rhein-Main (UNH). Außerdem könnten die Nutzer kontrollieren, ob die Piloten die im Maßnahmenpaket Aktiver Schallschutz des Forums Flughafen und Region (FFR) im vergangenen Jahr vorgelegten lärmmindernden Flugrouten auch tatsächlich einhalten.

Noch in dieser Woche sollte das Ende 2010 vorgestellte Wunderding unter www.umwelthaus.org online gehen. Doch die Sache wird sich verzögern, wenn sie nicht sogar in dieser Form ganz scheitert. Grund sind Reibereien zwischen dem UNH und mehreren an den Lärmmessungen beteiligten Kommunen. So ist die geplante Info-Plattform nicht nur auf die Rohdaten vom Flughafenbetreiber Fraport und der Deutschen Flugsicherung (DFS), sondern auch auf Informationen verschiedener kommunaler Messeinrichtungen angewiesen. Wie die Frankfurter Rundschau jetzt berichtete, schießen aber die Städte Hanau (mit dem Stadtteil Steinheim), Trebur, Mainz und der Landkreis Mainz-Bingen quer: Von ihnen wird das UNH keine Daten bekommen.

Umwelthaus will keine Messdaten übernehmen

Zumindest vorerst nicht. Güzin Langner, Sprecherin der Stadt Hanau, erklärte gestern, man habe bisher nicht die Dringlichkeit einer Entscheidung hierzu gesehen. Beobachter gehen immerhin nicht davon aus, dass die Goldschmiedestadt sich dem Hilfsersuchen des Umwelthauses auf Dauer verschließen wird.

Auch Darmstadt würde kooperieren, ist aber de facto dazu nicht in der Lage, weil der Datenstrom über einen in Frankfurt stehenden Vermittlungsserver läuft. Die Mainmetropole ihrerseits hat sich bereits im Dezember mit einer Mehrheit von SPD, Linken, FDP, Flughafenausbaugegnern, Freien Wählern und der NPD gegen eine Beteiligung am Beobachtungssystem des Umwelthauses entschieden. Rüsselsheim und Offenbach verfügen nicht über eigene Mess-Stationen. Gleichzeitig will das Umwelthaus aber auch keine Messdaten des flughafenkritischen Deutschen Fluglärmdienstes (DFLD) übernehmen. Der betreibt fünf Mess-Stellen.

Zwei neue Messstationen in Kelsterbach

Kooperationsbereit sind immerhin Neu-Isenburg und Raunheim - wobei letzteres seine Mess-Station erst in den nächsten Wochen aufbauen wird. Ferner existieren zwei mobile Stationen sowie eine Station in Mainz-Hechtsheim. Zwei weitere sollen auf der neuen Dependence des Umwelthauses in Kelsterbach entstehen.

Die Haltung der Verweigerer gründet nicht zuletzt in der Entstehungsgeschichte des Umwelt- und Nachbarschaftshauses. Es war 2009 vom Land Hessen, das als klarer Befürworter des Flughafenausbaus gilt, ins Leben gerufen worden und soll als neutrale Instanz zwischen den Interessen des Flughafens, seiner Nutzer und des Umlands vermitteln. Das Umwelthaus ist eine Einrichtung des Forums Flughafen und Region (FFR) und eine landeseigene GmbH.

Kompromissbereitschaft durch Datenabgleich

Die „Verweigerer“ vertreten trotz der betonten Neutralität des UNH die Auffassung, dass die Einrichtung bei der Überwachung der Lärmbelastung eine parteiische Position einnimmt. Sie habe, so die Einschätzung, in erster Linie die Funktion, im Interesse des Landes Hessen die gegen den Flughafen-Ausbau gerichteten Kräfte zu binden. Symptomatisch sei, dass man in Kelsterbach die original Rohdaten von Fraport nicht herausgebe, was Möglichkeiten zur Manipulation schaffe.

Weiteres Argument gegen die Kooperation: Jahrelang sei Fraport nicht in der Lage gewesen, selbst Daten zu erheben, nun wolle man handstreichartig auf Einrichtungen von Kommunen und von Privatleuten zugreifen. Außerdem dürften verdiente Einrichtungen wie der Deutsche Fluglärmdienst nicht einfach aus dem Vorgang der Mediation hinausgedrängt werden. Nur in dem Fall, so der FAG-Fraktionschef Rainer Rahn, wenn das Umwelthaus die Möglichkeit schaffe, die Fraport-Daten mit denen der Kommunen abzugleichen, bestehe eine Kompromissmöglichkeit.

„Neutraler Vermittlungsserver“ vorstellbar

„Falls die Kommunen nicht mitmachen, wird sich das Beobachtungssystem zumindest erheblich verzögern“, warnte Lanz gestern. Einerseits unterstreicht er „die Verdienste und die Pionierleistungen des DFLD“, andererseits aber kommt für ihn eine Herausgabe von Fraport-Rohdaten weiterhin nicht in Frage. Überlasse man diese Angaben Dritten, zerstöre man die Geschäftsgrundlage in der Zusammenarbeit von Umwelthaus und Fraport. Um das gegenseitige Misstrauen aber zu überwinden, könnte sich Lanz einen „neutralen Vermittlungsserver auf neutralem Grund“ vorstellen, in den die derzeit noch zögernden Kommunen ihre Daten einspeisen, ohne dass eine Manipulationsmöglichkeit durch das Umwelthaus oder den Deutschen Fluglärmdienst bestehe.

„Es gibt allerdings noch einen Plan B, wenn alles nichts fruchtet, verrät Lanz. So müsse man auf dem Weg zu einem neutral informierenden System, das nicht mehr von den „kommunalpolitischen Unwägbarkeiten“ abhängig sei, möglicherweise das eigene Mess-System ausbauen. Man plane derzeit sechs neue Messtellen zusätzlich zu den vier eigenen. Das Geld hierfür, Lanz schätzt die Investition auf rund 120 000 Euro, sei da. „Es wird in jedem Fall etwas geben und zwar kurzfristig“, so der UNH-Geschäftsführer. Er hält nicht mit seiner Einschätzung hinter dem Berg, dass er eher an einen Erfolg von „Plan B“ glaubt als daran, dass es doch noch zu einer Einigung mit den unbotmäßigen Kommunen kommt.

Quelle: op-online.de

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