Kontroverse über Leiharbeit in Frankfurt

Frankfurt - Gegen mögliche Gehaltseinbußen für Leiharbeiter im Siemens-Werk in Fechenheim haben gestern Betroffene und Teile der Stammbelegschaft protestiert. An der Veranstaltung vor den Werkstoren nahmen etwa 400 Mitarbeiter teil. Von Marc Kuhn

„Das ist der Versuch, sich an denen, die am unsichersten beschäftigt sind, zu bereichern“, sagte Katinka Poensgen von der IG-Metall-Bezirksleitung Mitte unserer Zeitung. „Hier will ein hochprofitabler Konzern auf Kosten der Schwächsten in der Belegschaft seine Profite weiter steigern. Das werden wir nicht hinnehmen. “ Etwa 170 Leiharbeiter könnten betroffen sein, erklärte Siegfried Koch, Betriebsratschef in dem Schaltanlagenwerk. „Das kann man mit den Leuten nicht machen. “ Auch in Metallunternehmen in Offenbach sind viele Leiharbeiter beschäftigt.

Ein neuer Tarifvertrag ist Auslöser des Konflikts. Von den insgesamt 40 000 Leiharbeitnehmern, die in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie im Bezirk Mitte eingesetzt sind, haben mehr als 35 000 Anspruch auf die seit 1. November geltenden Branchenzuschläge. Dies teilte die IG Metall in Frankfurt mit. Zu dem Bezirk Mitte gehören die Länder Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Bezirksleiter Armin Schild forderte die Betriebsräte in den Verleih- und Entleihbetrieben auf, darauf zu achten, dass die Zuschläge auch gezahlt werden. Er geht davon aus, dass in vielen Firmen versucht wird, den Tarifvertrag zu unterlaufen. „Schon jetzt gibt es erste Tricksereien in der Branche, auch bei namhaften Entleih-Unternehmen, wie zum Beispiel bei Siemens“, erklärte Schild. „Leiharbeit ist hochgradig anfällig für Unterlaufungstendenzen.“

2009 hatte Siemens mit der IG Metall auf Bundesebene eine Betriebsvereinbarung geschlossen. Danach verdienten Leiharbeiter, die länger als 15 Monate bei dem Konzern gearbeitet hatten, genau so viel Geld wie die Stammbelegschaft. Darüber hinaus wurde Zeitarbeitern nach 18 Monaten im Betrieb eine Festanstellung angeboten. Gestern ist jedoch ein neuer Tarifvertrag für Leiharbeiter in Kraft getreten. Danach sollen Leiharbeitsentgelte um bis zu 50 Prozent aufgestockt werden, wenn Betroffene mehr als neun Monate im gleichen Betrieb arbeiten. Für Siemens-Beschäftigte ein Rückschritt, berichtete Poensgen. Zudem sehe der neue Tarifvertrag eine Übernahme erst nach 24 Monaten vor. „Das ist ärgerlich“, sagte die Gewerkschafterin.

Ein Siemens-Sprecher erklärte: „Mit dem Tarifabschluss vom Frühjahr wurden bundesweite tarifliche Regelungen zum Einsatz von Zeitarbeitern in der Metall- und Elektrobranche getroffen.“ Diese Regelungen seien gegenüber betrieblichen Regelungen vorrangig. „Die Siemens AG hat allerdings mit dem Gesamtbetriebsrat bereits im Jahr 2009 eine Rahmenvereinbarung zur Zeitarbeit geschlossen. Derzeit laufen Gespräche zwischen Gesamtbetriebsrat und Unternehmen über die Auswirkungen der tariflichen Regelung auf die Rahmenvereinbarung.“ Siemens stellt im Werk in Fechenheim sogenannte gasisolierte Mittelspannungschaltanlagen her. Mit ihnen wird Strom auf Leitungen verteilt. Rund 1 300 Festangestellte sind in dem Werk beschäftigt. Hinzu kommen etwa 400 Zeitarbeiter.

Quelle: op-online.de

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