Konzert in der Jahrhunderthalle

Kraftwerk: Sie sind die Roboter

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Sie sind die Roboter: Kraftwerk in Frankfurt

Frankfurt - Vorab gleich dies: Kraftwerk sind Deutschlands bedeutendste Band. Das zeigte sich ganz besonders am 26. Januar 2014, als der Gruppe aus Düsseldorf ein Grammy für ihr Lebenswerk verliehen wurde. Andere Geehrte an diesem Tag: die Beatles. Von Christian Riethmüller

In Sachen Einfluss auf die Entwicklung der Popmusik dürften sich diese beiden Gruppen nicht viel nehmen, was erklärt, warum Jung und Alt heute noch unbedingt ein Projekt erleben wollen, das schon seit vielen Jahren keine neue Musik mehr aufnimmt, sondern nurmehr die eigene Legende verwaltet, die längst auch den Weg ins Museum gefunden hat. Trotzdem klingt die Musik von Kraftwerk auch im Dezember 2015 noch immer erstaunlich modern, was nicht nur mit der Retroseligkeit im heutigen Pop-Geschehen zu tun hat. Ralf Hütter als einzig verbliebenem Gründungsmitglied von Kraftwerk und seinen Mitstreitern ist es gelungen, ein Grundlagenwerk zu erschaffen, auf dem Musikstile wie Elektropop, aber auch Techno oder Hip-Hop fußen.

Dieser Eindruck bestätigt sich bei den aktuellen Konzerten, wie nun in der seit Wochen ausverkauften Jahrhunderthalle, wo das Quartett in hautengen Ganzkörperanzügen der Besatzung eines Raumschiffes gleich einen Querschnitt seines Schaffens vom epochalen 74-er-Album „Autobahn“ bis zu den „Tour de France“-Soundtracks von 2003 bietet. Dabei fehlen weder „Das Model“, „Computerwelt“, das brillante „Radioaktivität“ oder „Die Roboter“, noch „Computerliebe“, dessen markantes Motiv vor einigen Jahren der britischen Band Coldplay den großen Hit „Talk“ bescherte.

Ob die vier Männer hinter ihren Konsolen tatsächlich musizieren und die pluckernden Synthesizer-Sounds selbst erzeugen oder doch nur Regler bedienen, lässt sich nicht sagen, was bei der Mensch-Maschine-Aura von Kraftwerk aber auch nicht von Bedeutung ist.

Der gut zweistündige Auftritt ist aber nicht nur ein sonisches, sondern auch ein visuelles Ereignis. Die Band hat ihre Konzerte ja als 3-D-Performance konzipiert und jeder Besucher am Eingang eine 3-D-Brille erhalten. Nummern, Buchstaben, das Spacelab oder ein Zug, die auf der Videoleinwand zu sehen sind, scheinen plötzlich im Saal zu schweben oder auf das Publikum zuzurasen, was für manchen erschreckten Ducker bei dem ein oder anderen Besucher sorgt. Mit den Special-Effects-Schlachten heutiger Filme oder Computerspiele können diese Projektionen gewiss nicht mithalten. Doch sie unterstreichen in ihrer manchmal putzig wirkenden, retrofuturistischen Anmutung eine tiefe Verbundenheit mit einer Fortschrittssicht und Zukunftsvorstellung, wie sie vielleicht in den 1920er-Jahren eine Avantgarde in Deutschland inspirierte, bevor diese vor den Zeitläuften fliehen musste.

Quelle: op-online.de

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