Kreativer Chaot mit Strategie

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Ein Leben für die Musiken dieser Welt: Christian Scholze leitet das Label Network.

Frankfurt ‐ Im Jahr 1979 war die Startbahn West ein großes politisches Thema. Viele Proteste begleiteten das Projekt am Frankfurter Flughafen. In die Zeit dieser Bürgerbewegung, zu der nicht nur Naturschützer gehörten, fiel auch die Gründung der Network Medien-Cooperative in Frankfurt. Von Detlef Kinsler

Unter den ersten Veröffentlichungen ab April 1980 waren Kassetten, so genannte „O-Ton-Reportagen“, mit Begleitbüchlein zu Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Atomkraftwerken und eben die Startbahn West. „Es war eine stark politisierte Zeit“, kommentierte Christian Scholze, später einmal die Anfänge des Frankfurter Musiklabels „Network“, dem er bis heute als Chef vorsteht.

Scholze, gebürtiger Berliner, kam zunächst als Gutachter für Entwicklungsprojekte in Afrika, Lateinamerika und Asien mit fremden Kulturen in Berührung. Diese Faszination führte dazu, dass sich „Network“ bald ausschließlich der Musik aus diesen Weltgegenden widmete. Joachim-Ernst Behrends „Vom Hören der Welt” und „Die Welt ist Klang” waren auf Anhieb Verkaufserfolge, der renommierte Jazzkritiker Behrend wurde zur Kultfigur.

In den Archiven des WDR fand Network wahre Schätze an Aufnahmen von allen Kontinenten und in enger Zusammenarbeit mit dem Kölner Sender entstand das, was bald als Basis-Diskographie der Weltmusik geschätzt werden sollte: Die 49 Titel umfassende „World Network Reihe”, darunter auch Musik aus Ländern wie Afghanistan, Aserbaidschan, Georgien, Korea, Madagaskar, Pakistan, Tuva und Venezuela, mit vielen bis dato unbekannten, aber umso faszinierenderen Klängen.

Musik voller Magie und Mystik

Die liebevoll editierten Veröffentlichungen mit sofort wiedererkennbarer Grafik und informativen Begleittexten fanden im Frankfurter Versandhändler Zweitausendeins einen engagierten Vertrieb. Network hatte sich exklusiv für Zweitausendeins und die angeschlossenen Läden entschieden – eine bis heute bestens funktionierende Partnerschaft. Vom frühen Erfolg beflügelt, entstanden mutige Projekte: hochformatige 2-CD-Anthologien mit reichlich bebilderten Book lets voll sorgfältig recherchierter Geschichten, darunter auch die Anthologie „Desert Blues”, die sich bis heute über 200.000 Mal verkaufte und die die Stimmen stolzer Völker wie der Berber und der Tuareg präsentiert. Musik voller Magie und Mystik.

Die „Gypsy Queens“ bekamen genauso ihre Hommage wie der „Balkan Blues“, der „Sufi Soul“ oder die „Musica Negra“ Amerikas. Network hatte erfolgreich seine Nische gefunden, gewann regelmäßig Schallplattenpreise und fand auch in internationalen Qualitätszeitungen wie der französischen „Le Monde“ lobende Anerkennung.

„Die Musik, die ich so liebe, soll wahrgenommen und respektiert werden”, hatte sich Scholze früh auf die Fahnen geschrieben. Auch wenn aus seiner Leidenschaft ein Beruf geworden war, blieb der Firmenchef nie lange an seinem Schreibtisch am Merianplatz im Frankfurter Nordend sitzen. Die Reiselust ist ein Lebenselixier Scholzes. Und das Abenteuer, an „Originalschauplätzen“ Platten zu produzieren, suchte er geradezu.

Suche nach Sinnlichkeit und Ekstase

Eine All-Star-Band in Armenien zusammenzutrommeln, das erste Frauen-Salsa-Festival auf Kuba zu organisieren oder mitten in den Kriegswirren Musik in Makedonien zu produzieren – Aufgaben wie geschaffen für den „kreativen Chaoten mit strategischer Kompetenz” wie ihn ein Mitarbeiter mal nannte.

So geht die Suche nach Sinnlichkeit und Ekstase für Scholze, der sich noch lange nicht an die Südküste Kretas, wo er auch gerne mal dem Müßiggang und dem Dösen frönt, zurückziehen will, unbeirrt weiter. Die Wirtschaftskrise hat Network weit weniger gebeutelt als die übrige Plattenindustrie. Zwar werden weniger neue CDs pro Jahr in Angriff genommen, aber die finden weiterhin großen Zuspruch und vor allem Absatz. Ganz sicher auch, weil die Menschen nach ruhigen Oasen in unserer lärmigen Welt suchen.

Quelle: op-online.de

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