Krebs setzt keinen Wendepunkt

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Diagnose Krebs: Bei einer Untersuchung stellten Frankfurter Erziehungswissenschaftler fest, dass eine gefährliche Krankheit die Lebensgestaltung nur begrenzt verändert.

Frankfurt - Ein ganz normaler Tag, nur ein Arztbesuch am Nachmittag steht an. Dann die Diagnose: Krebs. Diese erschütternde Nachricht löst die unterschiedlichsten Reaktionen bei den Betroffenen aus. Von Dirk Beutel

Wie Menschen, die an einer schweren, vielleicht sogar unheilbaren Krankheit leiden, ihr Verhalten verändern, womöglich sogar an ihrer Identität arbeiten, ist Gegenstand einer Untersuchung des Instituts für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Frankfurt. Berücksichtigt wurde auch, inwieweit die Befragten ihr Alltagsleben umstellten, was sie neu lernten, was sie nicht lernten, oder was sie verlernten.

Hierfür wurden 50 Männer und Frauen interviewt, die entweder an Brustkrebs erkrankt sind oder unter den Auswirkungen eines Herzinfarktes leiden. Projektstart war Mitte 2009 mit einer Laufzeit bis Ende April 2011. Nun wurde die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Untersuchung bis zum 31. Oktober 2012 verlängert. Schon jetzt können die Erziehungswissenschaftler Dieter Nittel und Astrid Seltrecht erste Befunde liefern, die bislang nur in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert wurden. Interessant: Die Vorstellung, dass eine lebensbedrohliche Erkrankung eine einschneidende Erfahrung im Lebenslauf der Befragten sei, wurde relativiert. Und: Bei keinem der Befragten wurde eine Persönlichkeitsveränderung aufgrund der jeweiligen Krankheit festgestellt. „Wir konnten keinen einzigen Fall finden, wo etwa der Krebs das Leben verändert hat“, sagt Astrid Seltrecht. Stattdessen waren es Entscheidungen oder Ereignisse, die gar nichts mit der Krankheit zu tun hatten. Seltrecht: „Die Bedingungen für eine Veränderung der Identität, liegen im Vorfeld.“

Wendepunkt nicht durch Krankheit

Die Probanden wurden alle unvorbereitet interviewt, wobei der Begriff Interview hier nicht ganz zutrifft. Wie bei einer zufälligen Begegnung in einem Bahnabteil sollte der Erkrankte seine Lebensgeschichte einem völlig Unbekannten, den er oder sie auch später nie mehr sehen würde, erzählen. Astrid Seltrecht spricht hierbei von der sogenannten „Stehgreif-Erzählung“.

Eheprobleme, Kinderlosigkeit, ein schlecht bezahlter Job - komme dann auch noch eine Krebserkrankung hinzu, nehme diese nicht die zentrale Rolle im Leben des Betroffenen ein, wie man eigentlich meinen würde. Die Probanten nahmen im Gegenteil ihr Schicksal zum Anlass, ihrem Leben insgesamt einen Wendepunkt zu setzen - ein besserer Mensch werden, mehr an sich denken. In der Analyse der Gespräche stellten die Forscher jedoch fest, dass diese Wendepunkte nicht von der Krankheit initiiert wurden, sondern andere Gründe vorlagen. Eine Überraschung für Betroffene, die bei der Beurteilung ihrer persönlichen Situation zu ganz anderen Schlüssen kommen mögen. Doch die Wissenschaftler halten dagegen: Die bedrohliche Krankheit ist nicht der Haupteinflussfaktor für Veränderungen in der Lebensgestaltung, sondern nur ein Teil davon, auch wenn dies dem Laien so vorkomme.

Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt von Patienten

Ein Beispiel aus der Untersuchung: Eine unter häuslicher Gewalt leidende Frau hat beschlossen, sich von ihrem Mann zu trennen und sich ein neues Leben aufzubauen. Während dieses Prozesses wird bei der Frau Brustkrebs diagnostiziert, der aber keinerlei Einfluss auf den Lebensweg der Frau hatte, getreu dem Motto „die Krankheit als Chance“.

Auf der Basis ihrer Ergebnisse und der Dissertation von Astrid Seltrecht startete das Institut parallel ein zweites Forschungsprojekt mit dem Titel „Zwischen Routine und Todesangst“. Hierbei handelt es sich um eine e-Learning gestützte Aus- und Fortbildungsmöglichkeit für Ärzte und Medizinstudenten über die biografische Verarbeitung von Brustkrebs.

Pädagogikstudenten haben erste Befunde aus dem Forschungsprojekt aufbereitet und im Internet frei zugängliche e-Learning-Kurse entwickelt. Das Angebot ist seit wenigen Tagen online (www.biographie-krankheit-lernen.de) und gibt einen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt von Patienten im Umgang mit der Diagnose Brustkrebs. Von diesem Wissen könnten Mediziner profitieren. Nicht zuletzt sei es erwiesen, dass sich eine intensivere Kommunikation auch unter ökonomischen Gesichtspunkten lohne, meinen die Forscher.

Quelle: op-online.de

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