Vom Kreisvorsitzenden Kritik und Streicheleinheiten

„Wir sind die Besten“: Frank Lortz schimpfte und lobte.

Rodgau ‐ Wann hat ein Kreisvorsitzender seiner CDU zuletzt öffentlich so sehr die Leviten gelesen? Von Bernhard Pelka

Frank Lortz jedenfalls deckte beim Wahlparteitag der Rodgauer Union in seiner Zustandsbeschreibung zum 2 800 Mitglieder starken Kreisverband und dem Stadtverband Rodgau schonungslos Schwächen der Union auf. Er tat dies freilich, um die 74 Mitglieder in der Aula der Georg-Büchner-Schule für die nächste Kommunalwahl zusammenzuschweißen. Das gelang eindrucksvoll. Bei der Abstimmung über die 45 Personen starke Kandidatenliste gab es das, was Anhänger der C-Parteien früher mit leuchtenden Augen bejubeln durften: bayerische Verhältnisse - also fast immer 100 Prozent Zustimmung.

Was hatte Lortz zuvor kritisiert? Die CDU habe in den 13 Kommunen des Kreises Offenbach einst neun Bürgermeister gestellt, heute seien es nur noch vier. Es gebe lediglich „drei bis fünf Verbände, bei denen man von oben nach unten durchdeklinieren kann - da stimmt‘s“. Intern habe sich die Union „Krach und Knatsch erlaubt“, der es dem Wähler unnötig schwer gemacht habe.

Lortz sprach von „schlimmen Baustellen aus eigener Verantwortung, Dummheit und Überheblichkeit“ - und wurde noch drastischer. In Langen habe sich die CDU „selbst erschossen“ und in Dietzenbach selbst heraus gekegelt. In Seligenstadt stelle sie „aus eigener Schuld“ seit 20 Jahren keinen Bürgermeister mehr. „Mainhausen: selbst zerschossen“, bilanzierte der Kreisvorsitzende selbstkritisch. Und auch in Rodgau habe man sich „als Partei nicht optimal verhalten“. In der größten Stadt des Kreises Offenbach stelle die SPD den Bürgermeister allein „dank tätiger Mithilfe der CDU“. Rühmliche Ausnahmen bildeten Hainburg und Neu-Isenburg.

Lortz kritisierte auch die Landes- und Bundespartei. „Spitzenmandatsträger“ der Christdemokraten hätten verantwortungslos gehandelt. Der Bundespräsident habe die Segel gestrichen, „weil er beleidigt war“. Der frühere Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust habe durch seinen überraschenden Rücktritt - wie etliche Ministerpräsidenten - ebenfalls zum Vertrauensverlust beigetragen.

„Wir sind es leid, vor Ort zu marschieren und dann, weil die Vornehmen in Berlin nicht einig sind, ein miserables Ergebnis einzufahren“, kommentierte der Kreisvorsitzende zur Bundeskoalition.

Überdies äußerte er sich über den ehemaligen CDU-Landrat Peter Walter und dessen umstrittenen Umgang mit der Strothoff School. Walter habe grundsätzlich Hervorragendes geleistet und wegweisende Projekte realisiert. Aber „einige Punkte“ seien bei der Strothoff School „vielleicht in der Hektik der Situation nicht durch die Gremien gegangen“. Es habe „Versäumnisse im Formalen“ gegeben. Die CDU müsse dennoch zu Walter stehen.

Natürlich sparte Lortz nicht mit Lob für den Kreisverband und dessen Stärke. Seine Wiesbadener Kollegen würden ihn nach wie vor „um diese Probleme beneiden“, der Landesverband belächle die örtlichen Schwierigkeiten. Der CDU-Kreisvorsitzende forderte die Zuhörer kämpferisch auf, sich mehr „zu unseren Erfolgen zu bekennen“ und zu alter Geschlossenheit und Stärke zurückzufinden: „Wir sind die Besten!“

Quelle: op-online.de

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