Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen zu Haftstrafen verurteilt

Kriminelles System in Diakonie-Station

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Bensheim - Das Amtsgericht Bensheim hat zwei ehemalige Mitarbeiterinnen der Diakoniestation Bensheim-Zwingenberg wegen gewerbsmäßiger Untreue zu Haftstrafen verurteilt. Von Jens Bayer-Gimm 

Sie sollen Geld der Diakonie unterschlagen und damit private Luxusreisen, Möbel und Renovierungen bezahlt haben. Schweigende Angeklagte, ahnungslose Kontrolleure, Tränen - der Prozess gegen zwei ehemalige Mitarbeiterinnen der Diakoniestation Bensheim-Zwingenberg hält die Besucher im voll besetzten Verhandlungssaal in Atem. Nach außen sind es biedere, von Kollegen geschätzte und vom Vorstand belobigte Damen im Ruhestand, die auf der Anklagebank sitzen. Im Verborgenen haben sie mindestens ein Jahrzehnt lang ein kriminelles System aufgebaut, das ihnen ein Luxusleben ermöglichte. „Ich hätte meine Hand für die frühere Chefin ins Feuer gelegt“, sagt eine von 50 Diakoniemitarbeiterinnen. „Sie hat einen auch mal in den Arm genommen, wenn es nötig war. Jetzt bin ich tief enttäuscht.“

Die Angeklagten schweigen. Richter Gerhard Schäfer zählt eine Reihe von Fernreisen auf, die die ehemalige Pflegedienstleiterin mit Ehegatten genoss: nach Dubai, Kuwait, Thailand, Fernost, Hotels mit einer „Master de luxe Suite“ oder einer „Royal Suite“, die Kosten jeweils in fünfstelliger Höhe, dem örtlichen Reisebüro bar auf die Hand. Im Fall der früheren Verwaltungsfachkraft nennt ein Zeuge aufwendige Zimmerausstattungen, Hausrenovierungen, ein Luxusauto, Wohnwagen, Fernreisen. Der lukrative „Nebenerwerb“ der Täterinnen: Einen kompletten Arbeitszweig der Diakoniestation, die Familienpflege, hatten die ehemalige Pflegedienstleiterin und die Verwaltungsfachkraft für sich privat gekapert. Die Vergütungen des Jugendamts des Kreises Bergstraße liefen auf ein vergessenes Konto der Diakoniestation ein, von dessen Existenz kein Dritter wusste. Ungefähr alle drei Wochen hob die frühere Verwaltungsfachkraft Tausende Euro in bar ab und teilte das Geld mit der Mitwisserin.

690.000 Euro sind Gegenstand der Anklage - alles andere ist verjährt

Die Familienpflege brachte ein gutes Zehntel des jährlichen Umsatzes der Diakoniestation von 1,2 Millionen Euro auf. Aufgeflogen war der Betrug im Januar vergangenen Jahres. Bis 2002 konnten die Ermittler die Barabhebungen zurückverfolgen, die Unterschlagungen summierten sich auf knapp 1,4 Millionen Euro. Gegenstand der Anklage waren nur rund 690.000 Euro. Was vor 2008 geschah, ist verjährt. Die Befragung der Zeuginnen ergibt: Das Vieraugen-Kontrollprinzip war durch die Komplizenschaft ausgehebelt. Vor dem Urteilsspruch ergreift die frühere Leiterin ein letztes Mal das Wort: „Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich in die Sache hineingerutscht bin, um mir ein bisschen Luxus zu leisten.“

Eine Diakoniemitarbeiterin unter den Zuschauern bricht in Tränen aus. Der Richter fällt das Urteil: Wegen gewerbsmäßiger Untreue muss die ehemalige Verwaltungsfachkraft für zwei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis, die ehemalige Leiterin erhält eine Haftstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt und mit 250 Stunden gemeinnütziger Arbeit verbunden wird. Der Verwaltungsfachkraft fällt erschwerend zur Last, dass in der Regel sie das Geld abhob. Sie schweigt bis zuletzt. Die Ex-Leiterin kommt mit der Bewährungsstrafe davon, weil sich das Schuldanerkenntnis strafmildernd auswirkt.

Das ändert sich durch die Pflegereform

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Die Kirchengemeinden als Träger nimmt der Richter in Schutz, dem Kreisjugendamt erteilt er aber eine Ohrfeige. „Wie kann eine Kreisbehörde sich mit so einem Rechnungs-Schnickschnack abfinden? Hier hat der Amtsschimmel geschlafen.“

(epd)

Quelle: op-online.de

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