„Kundenzufriedenheit verbessert der RMV damit sicher nicht“

Kritik vom Verkehrsclub an Preisrunde beim RMV

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Offenbach/Frankfurt - Jetzt steht es fest: Tickets für Busse und Bahnen im Rhein-Main-Gebiet kosten ab 2016 durchschnittlich 1,85 Prozent mehr. Das hat der Aufsichtsrat des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) gestern beschlossen.

Prompt reagierte der Verkehrsclub VCD Hessen mit heftiger Kritik. Verbandsspecher Daniel Sidiani im Interview mit unserer Zeitung: „Die Kundenzufriedenheit verbessert der RMV damit sicher nicht. Immer voller werdende S-Bahnen, die Streik-Welle, die City-Tunnel-Sperrungen 2015 und 2016 –die Kunden bekommen weniger Leistung, sollen aber einen höheren Preis bezahlen.“ Der RMV hielt dagegen: Die Erhöhung entspreche den gestiegenen laufenden Kosten. 2014 hatte der Verbund die Ticketpreise im Schnitt um 3,45 Prozent angehoben. Ab 1. August wird es für Schwarzfahrer teurer. Als „erhöhtes Beförderungsentgelt“ werden dann 60 statt bisher 40 Euro fällig. Drei bis vier Prozent der Fahrgäste sind nach Angaben des RMV als Schwarzfahrer unterwegs. Damit entgingen dem Unternehmen jährlich rund 25 Millionen Euro, hieß es.

Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei Daniel Sidiani, Sprecher des VCD-Hessen, nach:

Es wird also wieder einmal teurer beim RMV. Was glauben Sie, wird die Verärgerung vieler Kunden über die neue Preisrunde steigen? 

Die Preiserhöhung fällt dieses Mal zwar geringer aus als zuletzt, sie ist aber aus Sicht des VCD nicht gerechtfertigt. Die Kundenzufriedenheit verbessert der RMV damit sicher nicht. Immer voller werdende S-Bahnen, die Streik-Welle, die City-Tunnel-Sperrungen 2015 und 2016 – die Kunden bekommen weniger Leistung, sollen aber einen höheren Preis bezahlen. Das gibt es sonst nirgendwo. Wenn meine Wohnung Mängel hat und ich sie deshalb nicht voll nutzen kann, habe ich Anspruch auf Mietminderung. Notfalls kann ich mich auf die Suche nach einer anderen Wohnung machen. Diese Möglichkeit haben RMV-Kunden nicht. Wir hätten uns gewünscht, dass der RMV mehr Entgegenkommen für die Einschränkungen zeigt. Das beliebte Standard-Argument „steigende Energiepreise“ zieht dieses Mal übrigens nicht. Die Energiepreise in Deutschland sind im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent gesunken. Mein Ökostrom- oder mein Carsharing-Anbieter gibt solche Preissenkungen an mich weiter - aber der RMV erhöht und erhöht.

Sie haben ja vor wenigen Tagen eine Nullrunde beim RMV gefordert. Ist denn Ihr Argument, der RMV spare durch die Tunnel-Baumaßnahmen Geld und er habe auch durch die Streiks im Frühjahr finanzielle Vorteile gehabt, tatsächlich noch haltbar?

Die Einsparungen durch die Tunnelsperrung, die Sie ansprechen, werden unter anderem für die notwendigen Kundeninformationen und vor allem für die Schienenersatzverkehre eingesetzt. Dass die gesamten Einsparungen aufgefressen werden, halten wir vom VCD nicht für realistisch. Schauen wir doch mal, wie diese Einsparungen entstehen: Das Bahnnetz und die Bahnhöfe gehören der DB Netz AG. Diese verlangt für jeden Kilometer, den eine Regionalbahn oder S-Bahn darauf zurücklegt, ein Trassenentgelt.

Und für jeden Bahnhof, an dem der Zug hält, ein Stationsentgelt... 

Genau! Jedes Mal, wenn ein Zug gestrichen wird, spart der RMV also bares Geld. Durch die Tunnelsperrung mit fünf Stationen, noch viel mehr aber durch die Streiks im Frühling mit hunderten „stillgelegten“ Bahnhöfen im ganzen Verbundgebiet sprechen wir hier über Millionensummen, die der RMV spart. Natürlich gibt es Ersatzverkehre nicht umsonst. Der Busfahrer muss bezahlt werden, aber das müsste der S-Bahn-Fahrer ja auch. Der Unterschied: Ein Ersatzbus kostet keinen Cent Trassen- oder Stationsentgelt.

Ist der RMV denn wesentlich teurer oder unpünktlicher als die Verkehrsanbieter zum Beispiel in Hamburg oder München?

Genau diese Frage hat der VCD Rhein-Main 2012 mit einem großen Fahrpreisvergleich untersucht. Ergebnis: Von den sechs untersuchten Verkehrsverbünden ist der RMV der teuerste. Das vielleicht drastischste Beispiel ist die Kinderfahrkarte bis 25 km, also zum Beispiel von Frankfurt nach Hanau: Im Großraum Hamburg kostete sie einen Euro, in München 1,20 Euro, beim RMV satte 4,40 Euro.

Der RMV kann kein Geld drucken, sondern hängt am Tropf der Politik ... 

Ja – das ist für uns auch klar. Die Hauptschuld trägt die Bundesregierung: Sie ist per Grundgesetz verpflichtet, sich um einen gescheiten Nahverkehr zu kümmern, stellt aber nicht die nötigen Mittel dafür bereit. Dabei müsste im wachsenden Rhein-Main-Gebiet das Bahn-, Bus- und Tram-Angebot eigentlich massiv ausgebaut werden. Wir müssen deshalb über neue Finanzierungsmöglichkeiten nachdenken. Beispiel gibt es - so in Wien.

Was machen die Österreicher besser? 

Dort wurde eine finanziell vernünftige Kombination aus Parkraumbewirtschaftung und ÖPNV-Jahreskarte auf die Beine gestellt. Mit der Jahreskarte sind die Wiener für gerade mal einen Euro am Tag unbegrenzt mobil. Als VCD könnten wir uns vorstellen, noch weiter zu gehen. Von einem funktionierenden öffentlichen Nahverkehr profitieren ja alle: Unternehmen, Hotels und Einkaufszentren über die Anbindung, aber auch Autofahrer, die sonst im Verkehrskollaps keinen Millimeter mehr vorankämen. Sie sind zwar nicht unbedingt Nutzer, aber doch Nutznießer des ÖPNV. Es ist deshalb nur fair, sie mit einem kleinen Beitrag in die Finanzierung einzubeziehen.

Lesen Sie dazu auch: RMV erhöht Fahrpreise sowie den Kommentar RMV unter Druck

psh

Quelle: op-online.de

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