Kunst im Studentenwohnheim

Explosion im Maßstab 1:86

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In Darmstadt ist ein Farbanschlag verübt worden. Erik Pfeiffer und Daniel Eyrich sind tatverdächtig – und sagen mit Vergnügen aus.

Darmstadt - Farbexplosion im Innenhof eines Studentenwohnheims in Darmstadt, bitte Türen und Fenster geschlossen halten. Wer sich an der Berliner Allee umsieht, wird schnell mit den Folgen der Explosion konfrontiert: Von Cora Werwitzke

Dicke Farbspuren, Spritzer und Schlieren bedecken Boden und alle vier Fassaden. Einzig für die Explosion selbst wollen sich nicht so recht Zeugen finden. Außer Erik Pfeiffer (30) und Daniel Eyrich (28). Die beiden sind tatverdächtig, müssten sich nicht gegenseitig belasten, machen das aber mit dem größten Vergnügen: „Was den Boden angeht, war Daniel federführend“, sagt Erik Pfeiffer aus. Daniel Eyrich schildert, dass „Erik das Ganze angeleiert hat“.

Beide wurden oder werden momentan an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) ausgebildet. Das ändert den Blickwinkel. „Aber eine Explosion hat tatsächlich stattgefunden“, sagt Pfeiffer. „Wir haben einen Kanonenschlag von Silvester mit Farbe übergossen und in einem Modell hochgehen lassen.“ Die Farbstrukturen, die alle Seiten des Modells abbekamen, finden sich jetzt im Maßstab 1:86 an den Fassaden des neu gebauten Wohnheims. Anfang der Woche eröffnete das Studentenwerk das unter „LAB“ firmierende Gebäude. Seitdem ziehen junge Leute ein.

So stehen jede Menge Umzugskartons herum, während sich Pfeiffer und Eyrich ihr Werk von einer Bank im Innenhof aus ansehen. An einem Balkongeländer hängt schon Wäsche, jemand trägt einen Staubsauger quer über den Hof. „Wir waren schon im Boot, als das hier noch eine Baugrube war“, erzählt Pfeiffer. Das Studentenwerk sei vor etwa zwei Jahren auf ihn zugekommen. Einige Entwürfe und viele Monate später legten er und Daniel Eyrich, den er in der Malereiklasse der HfG kennengelernt hatte, erstmals Hand an die Fassade an. Mehr als 120 Liter Farbe verbrauchten sie in der rund dreimonatigen Schaffenszeit. „Farben, mit denen normalerweise niemand sein Haus anmalen würde“, bemerkt Pfeiffer.

Musik, Visuals, Fotografie

Das sei tatsächlich ein Problem gewesen, ergänzt Eyrich. Mit dem Ober-Ramstädter Farbhersteller Caparol hätten sie viel getestet – etwa, ob sich Farben mischen lassen. „Und bei all dem Experimentieren muss ja versicherungstechnisch gewährleistet sein, dass die Farbe nicht direkt wieder abblättert.“ Gleiches gilt für die mehr als 400 bemalten Platten auf dem Hof. „Die haben wir mit einem Spezialharz mehrfach versiegelt, damit kein Wasser eindringt“, erläutert Eyrich. „Jede Platte hatten wir dafür mehrfach in der Hand, das war richtige Schufterei.“ Keine Minute zu früh wurden die Offenbacher (Pfeiffer gebürtig aus Frankfurt, Eyrich aus Langen) fertig: „Wir sind abends heimgefahren, haben nachts das Zeitraffer-Video geschnitten und sind vormittags zur Eröffnung gekommen.“

Die Farbexplosion im Zeitraffer gibt’s unter vimeo.com/50134125. Infos zu den Künstlern und Kontakt im Internet.

Für beide Künstler ist die Farbexplosion in Darmstadt das bisher größte Projekt. Neuland ist Fassadenmalerei freilich nicht. Pfeiffer machte unter anderem ein Praktikum beim renommierten Farbdesign-Unternehmen „Studio von Garnier“. Eyrich bemalte zuletzt „Die Katakombe“ – ein kleines Theater in der Nähe des Frankfurter Zoos. Sie betonen, dass sie beide selbstständig sind, wollen aber in Zukunft weiter intensiv zusammenarbeiten. „Wir kooperieren unter dem Namen ,Umgebungsfarbe‘ und gehören auch zu einem Künstlerzusammenschluss, der sich ,Die Segel‘ nennt“, sagt Pfeiffer. Vor allem in letzterer Gruppe stellen sie unter Beweis, wie breit sie aufgestellt sind – „selbst produzierte Musik, Visuals, Fotografie – die ganze Palette“, so Eyrich.

Quelle: op-online.de

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